Zwischen Einsicht und Realitätsverlust

Kabarettist Thomas Freitag als EU-Beamter Rübenbauer. (Foto: Mateo)

Thomas Freitag bietet beim Kulturforum Seesen politisches - und begeisterndes - Kabarett der alten Schule

Das Seesener Kulturforum hatte zu einem Kabarettabend mit Thomas Freitag in die Schulzentrums-Aula eingeladen.

Thomas Freitag steht in seiner Schauspiel- und Parodiekunst für das gute politische Kabarett der alten Schule, so möchte man sagen: Geistreich, philosophisch, intelligent und dabei zynisch, witzig und oft skurril. Das Thema des Programms klingt ein wenig kompliziert: „Europa – der Kreisverkehr und ein Todesfall“.

Freitags Programme sind immer Schauspiel. Es ist kein Kabarett der vorderen Bühnenkante. Ein Drama nimmt seinen Lauf: Der Herr an der Haltestelle auf der Bühne hat wohl einen Unfall hinter sich, mindestens sein Anzug zeigt deutliche Spuren. Der Reisende mit Rollkoffer entpuppt sich als der EU-Beamte Rübenbauer, zuständig als Ressortleiter für die Einweihung von Kreisverkehr-Anlagen. Er bewegt sich in Grenzgebieten, zwischen Leben und Tod, zwischen Alptraum und Realität, zwischen Wunsch und Verdammnis.

Seine Hilferufe führen zu anderen Personen und Perspektiven: Der Kreisverkehr wird zum Sinnbild des Auf-der-Stelle-Tretens, die einzige Ein- gleich Ausfahrt ist ein Bild des Flüchtlingsproblems. Der Hinweis auf Öttingers Internet-Ressort und Stoibers Verwalten von Büroklammern sind bissige Belege für verknöcherte Strukturen im System.

Der Kabarettist schlüpft in andere Rollen: Als Bürgermeister des Leberkäs-Dorfes Brunshausen hält er heftige Lobreden, die in Klagen enden (Leberkäs, europaweit geschützt „goes me on the cake!“). Der schwäbische Protestant Seitenbacher polemisiert mit Sprengstoff-Puschen-Gürtel, führt zurück zu Luthers 95 Thesen und zu Calvin („der evangelische Taliban“). Herr Drempel aus Holland ist zuständig für die europäische Entschleunigung.

Welten zwischen Einsicht und Realitätsverlust werden im Briefwechsel zwischen Herrn Rübenbauer und seinem afrikanischen Patenkind deutlich: In der Tat sind die kranken Banken und die Ebola-Seuche in Afrika nicht vergleichbar.

Die zynischen Aspekte der Diskrepanz zwischen den real-ökonomischen Preisen und den humanistischen Werten durchziehen das Programm. Dem „ewigen Licht“ einer göttlichen Welt wird die Energiesparlampe entgegengesetzt. Die Griechenland-Krise ermöglicht einen Rückblick auf Zeus, den Urvater und Namensgeber für Europa. Aber die antike Welt wird abgelöst durch „die germanischen Gottheiten Obi und Aldi“. Freitag sieht das Ende der religiösen Gruppen, abgelöst durch facebook („die größte Gemeinde der Welt!“). Die Beschreibung dieser Freundschaftsnetzwerke entwickelt er intelligent und skurril. Die Frage nach dem letztendlich einzigen Gott wird – selfie-gespiegelt – zur Frage nach dem, „was am Ende vom Menschen noch bleibt“. Die heftigen Wutausbrüche des gescheiterten EU-Beamten gleiten über in das Träumen neuer Utopien.

Das Publikum in Seesen spendet begeisternden Applaus für einen wunderbaren Abend und in der Zugabe hebt Thomas Freitag zu einem Lobgesang auf das Seesener Kulturforum an. Die Zuschauer werden mit einer letzten Utopie entlassen: Der Kabarettist erinnert an Wolfgang Menges „Millionenspiel“ und fragt: Wäre es denkbar, dass die mediale US-Wahlshow um Trump und Clinton im Sommer oskar-premiert als filmisches Spektakel entlarvt wird. Und dann wird gewählt. Wäre das nicht schön?