„Zwischen Tempel und bürgerlicher Moderne“

Prof. Dr. Simone Lässig: Religion als kulturelles Kapital“ / Der Festvortrag

Dr. Simone Lässig ist Direktorin des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig und Universitätsprofessorin an der Braunschweiger TU. Ihr Buch aus dem Jahr 2004 ist ihre Habilitationsschrift mit dem Titel „Jüdische Wege ins Bürgertum“. Der Untertitel „Kulturelles Kapital und sozialer Aufstieg im 19. Jahrhundert“ weist auf die Kernpunkte auch ihrer Seesener Rede hin.

Von Joachim Frassl


Der Blick in das 18. und die Frühzeit des 19. Jahrhunderts zeigt – so Lässig – 2/3 der Juden unter der Armutsgrenze, „lumpenbehangen“, „unsauber“ und „weltabgewandt“, ehe sich in Folge der Emanzipationspolitik der deutschen Staaten ein erstaunlicher Transformationsprozess vollzieht, der schließlich einen Großteil der deutschen Juden in bürgerlichen Sozialgruppen sieht. Die „bürgerliche Verbesserung“ der Juden war schon vor 1800 von den Staatsbeamten gefordert worden. Emanzipation wurde dort als Lohn für einen erfolgreichen Erziehungsprozess gesehen. Verbürgerlichung der Juden in der Sicht Lässigs war möglich durch den Erwerb von kulturellem Kapital. Sie verweist immer wieder auf die konkrete Seesener Situation und auf Jacobson.
Neue kulturgeschichtliche Forschungen verlangten einen neuen Blick auf den Jacobstempel. An späterer Stelle sagt sie mit Blick auf Seesen: Hier habe zuallererst die Schule erzogen und nicht die Synagoge. Erst wurde die Schule errichtet, danach der Tempel: „Lernen bezog sich im traditionellen Judentum primär auf die heiligen Schriften, auf die hebräische Sprache und die Einhaltung religiöser Regeln“, „weltabgewandt“. Die jüdischen Reformschulen „gehörten zu den ersten Schulen überhaupt, die ihr Curriculum an den Erfordernissen der kapitalistischen Erwerbsgesellschaft ausrichteten.“ „Im Sozialprofil glichen sie den christlichen Volksschulen, fachlich und methodisch aber entsprachen sie den hohen Standards der neuen Realschulen“.
Mit Blick auf die Seesener Neuerungen sagt Simone Lässig: Die These einer „Anpassung an den Protestantismus“ sehe nicht, dass sich dieser ebenfalls erst im Zuge der Aufklärung gewandelt habe. Reform sei in Seesen möglich gewesen, weil hier keine Gemeinde die „alte Synagoge“ fordern und durchsetzen konnte. Die Reform des halachischen (d. h. des allein durch das religiöse Gesetz bestimmten) Judentums hätte zur „Erfindung einer Religion des Bürgers“ geführt.
Die angestrebte „Veredelung der Sitten“ wäre durch eine allgemeine Ästhetisierung im Gottesdienst und in der Architektur angestrebt worden. Die Bima als Thora-Ort habe gegenüber der neuen Betonung der Predigt unter dem neuen Baldachin ihre ehemals zentrale Stellung eingebüßt. „Bürgerlichkeit war – auch in den Augen der Anderen – geradezu zur jüdischen Lebensnorm geworden“ konstatierte Simone Lässig zum Schluss.