Krankenhaushygiene darf nicht an den Kosten scheitern

Hygienebeauftragter Andreas Tappe (links) und Professor Dr. Jan Ortlepp, Ärztlicher Direktor, nehmen die Hygiene in den Asklepios Kliniken Schildautal sehr ernst. (Foto: Strache)

Ein Interview mit Professor Dr. Jan Ortlepp und Andreas Tappe über die Hygienemaßnahmen in den Asklepios Kliniken Schildautal

Wegen mangelnder Hygiene in deutschen Krankenhäusern stecken sich jährlich etwa 600.000 Menschen mit Keimen an. 15.000 Menschen sterben an den Folgen. Der Tod von Frühgeburten im Bremer Klinikum im vergangenen Jahr stellte dabei den bisher traurigen Höhepunkt dieser Entwicklung dar. Experten sagen jedoch, dass eine Vielzahl der Infektionen mit meist banalen Mitteln verhindert werden könnte. Beobachter-Redakteur Maximilian Strache hat mit dem Ärztlichen Direktor, Professor Dr. Jan R. Ortlepp, und dem Hygienebeauftragten der Asklepios Kliniken Schildautal, Andreas Tappe, ein Gespräch über die Hygienesituationen in deutschen Krankenhäusern geführt und sich erkundigt welche speziellen Maßnahmen im Seesener Krankenhaus getroffen werden.

Herr Professor Ortlepp, Herr Tappe, wenn die Öffentlichkeit etwas über Hygiene in Krankenhäusern erfährt, sind es meistens nur Horrorszenarien, wie beispielsweise der Tod von Frühgeburten im Bremer Klinikum im vergangenen Jahr, oder das mangelhaft sterilisierte OP-Besteck in den städtischen Kliniken Bogenhausen und Neuperlach bei München. Ist die Hygiene-Situation in deutschen Krankenhäusern tatsächlich so dramatisch oder wird das von den Medien nur aufgebauscht, um eine Schlagzeile zu haben?

Prof. Ortlepp: Die Hygienesituation in Krankenhäusern ist grundsätzlich ein relevantes Problem. Die Ansammlung einer Vielzahl von Patienten führt natürlich dazu, dass es auch viele verschiedene potenzielle Erreger gibt. Die Bagatellisierung ist daher von Grund auf falsch. Vielmehr muss sich ein Krankenhaus im Jahr 2012 mit Krankheitserregern und der Antibiotika-Steuerung sehr genau auseinandersetzen. Und wir sehen es als eine unserer Hauptaufgaben, die Rahmenbedingungen für eine hervorragende Hygiene-Situation so zu gestalten, dass eine Gefährdung unserer Patienten auf ein Minimum reduziert wird. Eines muss aber bei allen Bemühungen klar sein: Eine null-prozentige Gefahr wird es in einem Krankenhaus niemals geben. Und aufgrund dieser Tatsache ist es auch sehr wichtig, dass das Bewusstsein für diese Gefahr bei allen Mitarbeitern, also vom Geschäftsführer bis hin zum Reinigungspersonal, vorhanden ist.

Repräsentative Studien sprechen von rund 600.000 Menschen, die sich jährlich in deutschen Krankenhäusern anstecken und sagen, dass ein Großteil dieser Ansteckungen mit banalen Mitteln, wie gründlichem und regelmäßigem Händewaschen verhindert werden könnten. Gehen die Mitarbeiter und Verantwortlichen in deutschen Krankenhäusern vielleicht zu lax mit den vermeintlich einfachsten Hygieneregeln um?

Hygiene darf nicht
bagatellisiert werden

Professor Ortlepp: Ich kann natürlich nicht für alle Krankenhäuser in Deutschland sprechen, sondern nur für unser Krankenhaus. Da kann ich Ihnen aber versichern, dass wir mit der Händehygiene auf keinen Fall lax umgehen. Wobei das Waschen mit Wasser nicht das Entscheidende ist, sondern das Reinigen und Desinfizieren mit Desinfektionsmitteln. Doch trotz aller Maßnahmen, die wir hier in Seesen bereits getroffen haben, sind sich alle Verantwortlichen darüber im Klaren, dass es auch hier noch Optimierungspotenzial gibt.

Das heißt ja eigentlich nichts anderes, als dass man stets dranbleiben muss.

Professor Ortlepp: Ja, genau das heißt es. Das ist ein ständiger Arbeits- und Optimierungsprozess. Wir müssen immer das optimalste Level in der Händehygiene erhalten. Das ist auch unser Anspruch.

Wie oft müssen Sie sich denn ihre Hände während Ihrer täglichen Arbeit waschen beziehungsweise desinfizieren?

Tappe: Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) hat zu diesem Thema Indikationen bereitgestellt, die sehr deutlich machen, wann eine Desinfektion der Hände durchgeführt werden muss. Und nach diesen Richtlinien, die auch von der Kampagne „Saubere Hände“ übernommen wurden, richten wir uns. Beispielsweise schulen wir unsere Mitarbeiter mit einer sogenannten Händedesinfektionsbox, mittels der auch der tatsächliche Erfolg der Desinfektion gemessen werden kann. Zudem nehmen wir als Klinik auch selber an der Aktion „Saubere Hände“ teil.

Prof. Ortlepp: Also ich habe während meines Arbeitstages bestimmt eine Desinfektionsrate von etwa 50 Mal. Zum Thema Händehygiene ist aber auch noch zu ergänzen, dass als wir im Jahr 2007 unsere Abteilung für Innere Medizin gegründet haben, wir die erste Intensivstation in Niedersachsen waren, die vier Spender mit Desinfektionsmitteln an jedem Intensivbett vorhält. Wir verfahren in diesem Bereich grundsätzlich nach dem Motto: Der Infektionsspender geht nicht zu den Mitarbeitern, sondern es muss immer dort ein Spender sein, wo sich der Mitarbeiter aufhält. Und allein schon durch diese logistische Maßnahme konnten wir die tatsächliche Nutzung der Spender deutlich erhöhen.

Die Folgen mangelnder Hygiene in Krankenhäusern und Arztpraxen haben nicht nur gesundheitliche Auswirkungen, sondern verursachen auch einen erheblichen wirtschaftlichen Schaden. Deshalb ist es Aufgabe der Krankenhaushygiene, durch Erarbeiten von Richtlinien und Handlungsempfehlungen zur Senkung der Krankenhausinfektionen beizutragen. Welche speziellen Richtlinien und Maßnahmen gelten in den Asklepios Kliniken Schildautal?

Tappe: Unsere Hygienestandards sind bei uns im Intranet und somit an jedem Arbeitsplatz der Klinik abrufbar. Diese Standards umfassen die unterschiedlichen Maßnahmen in der Pflege und der medizinischen Betreuung. Sehr ausgefeilt sind unsere Hygienepläne im Bereich der Isolierungsmaßnahmen, die bei bestimmten Krankheiten wie Noro-Infektionen, Tuberkulose oder Hepatitis dringend eingehalten werden müssen.

Prof. Ortlepp: Und es gibt Hygienestandards für Prozeduren interventioneller und operativer Art und eine Standardisierung der Raum- und Flächendesinfektion für das Reinigungspersonal. Es ist eben auch sehr wichtig, dass die Räume und Stationen nicht irgendwie gesäubert werden, sondern ein klarer Ablaufplan vorgegeben ist. Wir achten beispielsweise sehr genau darauf, welche Reinigungsmittel in welchem Raum oder wie viele Handschuhe verwendet werden. In Bremen war es ja beispielsweise ein Problem, dass dort quasi mit einem bis zwei Paar Handschuhen eine ganze Station gereinigt wurde. Bei uns werden mindestens zwei Paar Handschuhe pro Raum verwendet. So dass es die handwerklichen Mängel, die es in Bremen objektiv gab, und die auch nicht schönzureden sind, in Seesen nach meiner Einschätzung nicht geben wird.

Eine Budgetierung bei Hygiene gibt es nicht

Hygiene ist ja eine Form der Präventivmedizin. Und Präventionsmaßnahmen kosten in der Regel auch eine Menge Geld. Was lassen sich die Asklepios Kliniken Schildautal diese Prävention pro Jahr kosten?

Prof. Ortlepp: Das haben wir betriebswirtschaftlich nicht kalkuliert. Wir können nur sagen, dass wir aktuell und für das kommende Jahr die Richtlinien des Robert-Koch-Instituts überschreiten und den Personalstamm der Hygiene-Mitarbeiter erhöhen. Das heißt, dass wir zu unserer einen Vollkraft Fachhygiene, Herrn Tappe, eine zweite Fachkraft einstellen werden. Zudem wird es auch noch einen ärztlichen Mitarbeiter geben, der sich ausschließlich mit Hygiene befassen wird. Grundsätzlich sind wir aber der Auffassung, dass Hygiene finanziell nicht limitiert sein darf.

Das heißt also, dass es kein vorgegebenes Budget gibt, in dessen Grenzen sich Hygienemaßnahmen bewegen dürfen?

Prof. Ortlepp: Genau das heißt es.

Haben die Mitarbeiter hier vor Ort arbeitsrechtliche Konsequenzen zu erwarten, wenn Sie sich nicht an die einrichtungsspezifischen Hygieneregeln halten?

Tappe: Also der erste Schritt ist natürlich zunächst immer, die Mitarbeiter umfassend zu schulen und Überzeugungsarbeit zu leisten. Denn nur, wenn die Hygienekette geschlossen ist, und alle Mitarbeiter korrekt mitarbeiten gibt es automatisch weniger Übertragung auf unsere Patienten. Der zweite Schritt ist die Erstellung von Standards, die als Dienstanweisung gelten. Sollten die Mitarbeiter dann aber bestimmte Regeln trotzdem nicht einhalten, wird auch mit Abmahnungen gearbeitet.

Prof. Ortlepp: Richtig. Wir werden ohne „Wenn und Aber“ mit Abmahnungen arbeiten, sollten sich die Mitarbeiter grobe Verstöße leisten. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass Angst ein schlechter Lehrmeister ist. Priorität hat bei uns die Motivation der Mitarbeiter. Die Chefärzte müssen dabei immer eine Vorbildfunktion übernehmen.

Die Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention am Robert-Koch-Institut gibt in Deutschland Empfehlungen für die Erstellung der Hygienerichtlinien in Kliniken und Krankenhäusern. Die Umsetzung ist hingegen Ländersache und wird nach Vorgaben der Landesgesundheitsämter von den örtlichen Gesundheitsämtern überprüft. Wie oft finden diese Kontrollen durch das Gesundheits­amt Salzgitter/Goslar statt?

Tappe: Die Kontrollen finden jährlich statt; zu bestimmten Anlässen oder routinemäßig. Zusätzlich werden wir vom Landesgesundheitsamt betreut und beraten. Zudem sind die Empfehlungen des RKI mit der Änderung des Infektionsschutzgesetzes Pflicht geworden. Es sind also nicht mehr nur Empfehlungen, sondern Verordnungen. Wir haben diese Richtlinien aber auch schon vor der Gesetzesänderung in unsere Hygienestandards eingepflegt.

Prof. Ortlepp: Wichtig ist dabei auch, dass die Gesundheitsämter nur eine beratende Rolle haben können. Die Probleme müssen von uns gelöst werden. An dieser Stelle will ich auch nochmal daran erinnern, dass alle Krankenhäuser die Negativ-Schlagzeilen gemacht haben auch von den Gesundheitsämtern kontrolliert wurden. An den Problemen hat das aber nichts geändert.

Würden Sie die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt als vertrauensvoll und offen charakterisieren?

Tappe: Absolut. Es ist ein sehr kollegialer und fairer Umgang. Wir verstehen die Gesundheitsämter als Partner.

Die Asklepios Kliniken Schildautal sind Mitglied im Hygienenetzwerk Südostniedersachsen. Wie bewerten Sie die Arbeit und die Funktionalität dieses freiwilligen Zusammenschlusses?

Tappe: Bei diesem Netzwerk geht es darum die unterschiedlichen Gesundheitsdienstleister in der Region zu verzahnen. Das ist in Deutschland bisher nur in wenigen Bezirken der Fall. Primäres Ziel des Netzwerkes ist es, dass Gesundheitsämter, Krankenhäuser, Altenheime und ambulante Dienste in einem regelmäßigen Dialog stehen. Beispielsweise geben wir mit dem Netzwerk einheitliche Flyer heraus, die der Beratung der Patienten, Bewohner und Angehörigen dienen. Zudem wird versucht die Überleitung zwischen den verschiedenen Institutionen zu verbessern. Bisher war es beispielsweise nicht möglich, dass ein niedergelassener Kassenarzt einen Nasenabstrich auf MRSA abrechnen kann. Das ist erst seit dem 1. April dieses Jahres möglich. Dort ist die Verzahnung beispielsweise sehr deutlich zu erkennen. Ist ein Patient in der Vergangenheit in einer Klinik behandelt worden, und es wurde versucht, den Keimbefall durch Waschung und Nasenbehandlung zu reduzieren, konnte es bisher keine Kontrollabstriche beim Hausarzt geben. Das hat sich verbessert, weil mehrere Netzwerke in Deutschland das bei den Kassenärztlichen Vereinigungen durchgesetzt haben.

Prof. Ortlepp: Die formalen Voraussetzungen haben nicht die Realität abgebildet. Das tun sie auch heute noch nicht. Das alles wächst erst langsam. Es gibt beispielsweise Fälle, gerade in der mikrobiologischen Diagnostik, die immer noch nicht umsetzbar sind. Die Krankenhäuser in Holland sind da sehr viel weiter. Aber wir sind auf einem guten Weg. Und ein solches Netzwerk hilft uns, Probleme gemeinsam mit anderen Einrichtungen anzupacken und die Voraussetzungen immer weiter zu optimieren.

Sie haben es eben schon angesprochen. Die MRSA-Problematik an Krankenhäusern und die Durchführung von Nasenabstrichen. In einigen Kliniken in Deutschland wie beispielsweise im Klinikum Greifswald erfolgt auf allen Stationen für Intensivtherapie, in der Notaufnahme, der Akutbehandlung für Schlaganfallpatienten, der Onkologie und der Hautklinik ein Screening jedes neu aufgenommenen Kranken auf MRSA, um Keimträger frühzeitig zu erkennen. Wie wird in den Asklepios Kliniken Schildautal mit MRSA umgegangen?

Prof. Ortlepp: Wir sind da schon weitergegangen in Seesen. Wir haben jeden Patienten im Screening.

Wirklich jeden?

Tappe: Jeder Patient, der bei uns stationär behandelt wird, bekommt im Vorfeld einen Nasenabstrich.

Aber das kostet doch eine Menge Geld.

Tappe: Das ist richtig. Doch die Folgekosten wären sehr viel höher. Stellen Sie sich nur vor, sie bekommen bei uns eine neue Hüftendoprothese und wir hätten im Vorfeld nicht abgeklärt, ob sie MRSA haben. Wenn dann eine Infektion im Ihrem neuen künstlichen Gelenk auftritt, kostet das ein vielfältiges von dem, was ein normaler Aufenthalt kosten würde; ihr Leid oder das anderer Patienten mal ausgeklammert. Mit dieser Vorgehensweise haben wir beispielsweise auch schon eine Reihe von Patienten rausgefischt, die nicht zur MRSA-Risikogruppe gehörten. Die werden dann natürlich nicht operiert sondern entkeimt.

Prof. Ortlepp: Obwohl, wenn ich an dieser Stelle nochmal einhaken darf. Eine vollständige Entkeimung gibt es nicht. Es gibt nur eine Minimierung der Keimanzahl, so dass die Gefährdung am Ende äußerst gering ist.

Der Patient muss stets im Fokus stehen

Jetzt sind es aber nicht nur Mitarbeiter und Patienten die mögliche Keime in die Klinik einschleppen. Es können auch Besucher Keime einschleusen. Welche Maßnahmen werden in den Schildautal Kliniken ergriffen, um dieser Gefahr präventiv entgegenzuwirken?

Prof. Ortlepp: Auf den Besucherstationen versuchen wir die Leute zu überzeugen, sich die Hände zu desinfizieren. Zu 100 Prozent, das muss ich einräumen, gelingt uns das leider nicht. Beim Betreten der Intensivstationen gibt es natürlich sehr strenge Kontrollen. Dort müssen sich die Besucher die Hände desinfizieren und Ähnliches. Ein generelles Abschotten der Patienten gegenüber Besuchern ist aber aus verschiedenen Gründen nicht durchführbar und auch nicht wünschenswert.

Tappe: Zudem beobachten wir auch, dass die Besucher sehr viel sensibler mit der Belastung möglicher Keime umgehen. So haben wir auf allen öffentlichen Toiletten und auch im Foyer Desinfektionsspender aufgestellt.

Prof. Ortlepp: Und, die Gefahr durch Besucher steht auch, denke ich, nicht im Vordergrund. Im Vordergrund stehen bei uns die Patienten. Dort müssen wir exzellent arbeiten. Dann verringern wir die größten Risiken.