„Der Titel ist ein realistisches Ziel“

Bundestrainerin Silvia Neid Stargast beim Sportjournalistentreffen des NFV.
 
Manfred Finger vom Niedersächsischen Fußballverband im Plausch mit Nationaltrainerin Silvia Neid.

Bundestrainerin Silvia Neid war der Stargast beim Sportjournalistentreffen des NFV

„Der Titel ist mehr wert.“ Die Rekordprämie von 60.000 Euro hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) für die Spielerinnen der Frauen-Nationalmannschaft ausgelobt, falls sie beim bevorstehenden WM-Turnier in Deutschland zum dritten Mal in Folge den Titel gewinnen.

Seesen / Barsinghausen (uk). Bundestrainerin Silvia Neid versicherte am Donnerstagabend beim 21. Sportjournalistentreffen des Niedersächsischen Fußballverbandes in Barsinghausen glaubhaft, dass die Motivation des deutschen Teams eine andere sei. „Wir wollen uns unseren Traum erfüllen. Der Titel ist ein realistisches Ziel“, blickte die 46-Jährige in einer von Jochen Zwingmann (Vorsitzender Verein Niedersächsische Sportpresse) und Manfred Finger (NFV-Pressestelle) moderierten Talkrunde vor rund 60 Medienvertretern dem Großereignis selbstbewusst entgegen.
Die deutsche Mannschaft geht als Top-Favorit in das Turnier, das vom 26. Juni bis 17. Juli in neun deutschen Städten ausgetragen wird. „Jeder erwartet von uns den dritten Titel“, weiß Silvia Neid um den großen Druck, der auf ihrer Mannschaft lastet. „Doch diesen Druck haben wir vor jedem Turnier“, geht die Bundestrainerin gelassen mit der allgemeinen Erwartungshaltung um. „Für uns ist es toll, dass wir im eigenen Land spielen dürfen. Wir sind hier zu Hause, spielen vor unseren Fans und müssen nicht reisen“, sieht die FIFA-Welttrainerin des Jahres 2010 die Chancen, die der Heimvorteil bietet.
Schweden, die USA, Brasilien, England und Norwegen sind für Silvia Neid die Mitfavoriten beim Kampf um die WM-Krone. Auch Nigeria traut sie viel zu: „Die haben einige Rohdiamanten im Team und noch eine Rechnung mit uns offen“, glaubt die Bundestrainerin nicht, dass es in der Vorrunde erneut einen Spaziergang gegen die Afrikanerinnen geben wird wie zuletzt im vergangenen November beim 8:0-Erfolg in Leverkusen. Letztlich aber tippt Neid auf Brasilien als Endspielgegner, wenn Deutschland das Finale erreichen sollte.
Bereits am 13. März endet die Saison in der Frauen-Bundesliga. Anschließend werden die Nationalspielerinnen alles dem einen großen Ziel unterordnen müssen. 47 Tage wird Silvia Neid ihren Kader zur Vorbereitung zusammenziehen, sechs Lehrgänge absolvieren und vier Vorbereitungsspiele bestreiten. „Da bleiben nur drei bis vier Tage für Zuhause. Alle müssen das Privatleben dann hinten anstellen“, nimmt Neid ihr Team in die Pflicht. Schließlich wird die Bundestrainerin ihren Kader für das WM-Turnier nominieren müssen. „26 Spielerinnen sind im Topf. Die 21, die letztlich dabei sind, stehen noch nicht fest“, steht Neid noch vor der Qual der Wahl. Für Martina Müller, Torjägerin des VfL Wolfsburg, sieht sie die Chancen auf eine Nominierung derzeit bei 50 Prozent.
500.000 von insgesamt 700.000 WM-Tickets sind im Vorverkauf bereits abgesetzt worden. „Dass es bereits so viele sind, hätte ich nicht gedacht“, ist Silvia Neid angenehm überrascht und führt das gute Zwischenergebnis auf „die intensive Arbeit von Steffi Jones und dem WM-OK“ zurück. „Es wird erneut ein Sommermärchen geben, in etwas abgespeckter Form“, kann sich die Trainerin eine Wiederholung der bundesweiten Begeisterung bei der Männer-WM 2006 auch für das Turnier der Frauen sehr wohl vorstellen. Schließlich möchte die 111-fache Nationalspielerin mit dem bevorstehenden WM-Turnier auch Nachhaltigkeit erreichen. Läuft alles wie gewünscht, werden sich nach der WM viele Mädchen in den Vereinen anmelden, wird das Zuschauerinteresse in der Bundesliga steigen und die Präsenz der Medien zunehmen, hofft Neid. Um das Interesse am Frauenfußball weiter zu steigern, sieht sie aber auch die Vereine gefordert: „Sie können sehr viel mehr machen. Man muss nur Ideen haben.“
2003 Co-Trainerin der Deutschen Weltmeistermannschaft, beim Titelgewinn 2007 hauptverantwortlicher Coach der deutschen Fußball-Frauen: Was passiert mit Silvia Neid, wenn sie 2011 erneut triumphiert? „Darüber habe ich mir überhaupt noch keine Gedanken gemacht. Ich habe einen Vertrag bis 2013“, bleibt die fernere Zukunft für die Erfolgstrainerin noch völlig ungewiss. Schließlich steht 2012 ja auch noch die Herausforderung Olympia bevor. Nach dreimal Bronze (2000, 2004, 2008) „fehlt mir noch Gold oder Silber“. Dann aber ist Silvia Neid „für alles offen.“ So kann sie sich auch vorstellen, irgendwann einmal als Trainerin im Männerbereich tätig zu sein. „Ich habe die gleiche Ausbildung wie die Männer“, verweist Neid darauf, dass sie ihre Fußballlehrerausbildung mit Kollegen wie Bernd Schuster und Wolfgang Wolf absolviert hat.
Unter den Zuhörern im Saal Niedersachsen des Sporthotel Fuchsbachtal befanden sich auch 22 junge Fußballspielerinnen der Barsinghäuser Vereine TSV Groß Munzel, VSV Hohenbostel und 1. FC Germania Egestorf-Langreder. Ob beim Training der Nationalspielerinnen auch schon mal herumgealbert werde, wollen die Mädchen unter anderem von der Bundestrainerin wissen. Disziplin steht bei Silvia Neid hoch im Kurs, aber ein Späßchen ist natürlich auch bei den deutschen Fußball-Frauen immer drin. Spaß muss halt sein. Neid, die von den älteren Spielerinnen des DFB-Aufgebotes geduzt wird, sich ab dem Jahrgang 1985 dann aber siezen lässt, rät den jungen Kickerinnen: „Immer dem Trainer zuhören, was der zu sagen hat, pünktlich und diszipliniert sein. Wenn dann noch das Talent da ist, dann geht es ruck, zuck in die Nationalmannschaft.“
Letztmalig ist die deutsche Frauen-Nationalmannschaft 2005 zu Gast im Sporthotel Fuchsbachtal gewesen. Silvia Neid zeigte sich beeindruckt von den Möglichkeiten, die das Haus nach der Erweiterung um den Fitness- und Wellnessbereich im „Studio B54“ inzwischen bietet. „Ich behalte im Kopf, dass es hier in Barsinghausen sehr schön ist. Wir werden bald einmal wiederkommen“, stellte die Bundestrainerin in Aussicht, dass Deutschlands Elite-Kickerinnen in absehbarer Zeit ihr Quartier am Deister aufschlagen.