Eine Niederlage, die kein Beinbruch sein soll

Großchance für den zur Halbzeit eingewechselten Mario Gomez, aber Frankreichs Defensive ist auf dem Posten. (Foto: Kiehne)
 
Mats Hummels im Zweikampf. (Foto: Kiehne)

Deutsche Nationalmannschaft verliert Freundschaftsspiel in Bremen und zeigt sich überraschend gelassen

Von Ulrich Kiehne, Bremen

Auch eine Niederlage kann Bundestrainer Joachim Löw nicht so leicht aus dem Konzept bringen. „Wir haben einen klaren Plan für die Euro, egal ob wir heute verloren haben oder gewonnen hätten!“ Und überhaupt: Eigentlich kann es sowieso nur noch eine gute Europa-meisterschaft für das DFB-Team werden. Die Generalprobe ist wieder einmal daneben gegangen. Wie so oft! Wie schon vor der Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land, als die DFB-Elf gegen Italien verlor (1:4). Und wie vor der Weltmeisterschaft 2010, als es eine Niederlage gegen Argentinien (0:1) gab. Was folgte, waren starke, ganz starke Turniere der DFB-Teams mit jeweils Platz 3 am Ende. Damit wollen sich die DFB-Kicker im Sommer 2012 aber nicht zufrieden geben. Sie wollen den EM-Titel. Geht das auch so einfach?
Mit der ärgerlichen, aber verdienten 1:2 (0:1)-Niederlage gegen die besseren Franzosen am Mittwochabend in Bremen hat sich die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw vorerst davon verabschiedet, der alleinige Titelfavorit zu sein. Auch andere Nationen können Fußball spielen. Pfiffe gab es schon weit vor Ende der 90 Minuten im Rund. Doch wer Löw nach Schlusspfiff in den Katakomben des Bremer Weserstadions beobachtete, der konnte den Eindruck gewinnen, dass es ihm ganz recht war, die Bürde des haushohen Turnierfavoriten ein wenig los zu sein. Er lächelte gar, als Frankreichs Nationalcoach Laurent Blanc den Sieg seiner Equipe tricolore bilanzierte. Blanc erklärte den Journalisten, dass man um die Schwachstellen der Deutschen Hintermannschaft wisse. Löw lächelte, ebenfalls wissend, dass er die Abwehrprobleme bis zum Turnierstart noch in den Griff bekommen wird. Da kennt der Trainer keine zwei Meinungen.
Die Gemütslage bei Offiziellen und Spielern der deutschen Elf, die erstmals wieder in traditionell grünen „Ausweich-Trikots“ auflief, war nach dem Spiel in Bremen mehr als gelassen – von Panikstimmung war keine Spur. Warum auch? Es war die erste Länderspielpleite nach zuvor zehn ungeschlagenen Partien. Und es war ein Test. Geärgert haben sich wohl nur die Zuschauer, die ein weiteres Fußballfest wie jüngst in Hamburg gegen die Niederlande (3:0) erwartet hatten.
Toni Kroos fand es nach Schlusspfiff „nicht besonders dramatisch, dass wir verloren haben“. Offensivmann André Schürrle, der kurz vor der Halbzeit mit einer komplizierten Nasenverletzung ausgewechselt werden musste, stellte fest, man solle diese Niederlage „nicht überbewerten.“
So viel Gelassenheit hat man selten von den Nationalspielern gehört, wenn es galt, Niederlagen zu bewerten. Woran das liegt? Trainerstab und Mannschaft wissen offenbar, wie gut sie sein können, was sie abrufen werden, wenn es denn ernst wird. Eine Niederlage in einemFreundschaftsspiel – das wegen Meisterschaftsendspurt und Champions-League-Aufgaben noch dazu zu einem für die meisten Akteure denkbar ungünstigen Zeitpunkt kommt – ist da durchaus ein Ärgernis, aber lange noch kein Beinbruch.
Die Pleite gegen das wiedererstarkte Frankreich ist sicherlich ein Dämpfer für die zuletzt fast überschwappende EM-Erwartungshaltung in Deutschland. Die, so sagte Löw um kurz vor Mitternacht, sei ihm „ehrlich gesagt, mittlerweile total egal. Die Erwartungen in Deutschland seien schließlich immer riesengroß vor Turnieren. Das war in Südafrika vor zwei Jahren nicht anders.“ Löw ist jetzt nur das Turnier in Polen und der Ukraine wichtig. Und das kann nach der verpatzten Generalprobe ja nur gut werden.