Jubeln mit Schweinsteiger – Nachdenklichkeit in Auschwitz

Freude bei Bastian Schweinsteiger nach dem 1:0.
 
Harald Ahfeldt, Georg Kinat und Kai Strobel vor dem großen EM-Spiel Deutschland gegen Portugal.
 
Alles andere als ein Drei-Sterne-Hotel, für eine Nacht ist die Unterkunft in Lemberg jedoch erträglich.
 
„Ein beeindruckendes, schockierendes, erschütterndes Erlebnis“ – Das Konzentrationslager Au­schwitz-Birkenau in Polen.

Harald Ahfeldt, Georg Kinat und Kai Strobel auf Kurztrip in der Ukraine und Polen / Viertägige Reise mit vielen positiven Eindrücken

Allen Unkenrufen über Gefährlichkeit und Stress zum Trotz machten sich drei Leser des Seesener „Beobachter“, Harald Ahfeldt und Georg Kinat aus Münchehof sowie Kai Strobel aus Bad Grund, zu einem Kurztrip zur Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Urkaine auf und – vorweg gesagt – es war viel weniger anstrengend und gefährlich als von vielen gemutmaßt und auch in Presse, Funk und Fernsehen dargestellt wurde. Freitagmittag bis Montagmorgen, das war die Reisezeit, und in diesen 68 Stunden gab es zwei tolle EM-Spiele und viele gute Eindrücke, aber auch verheerende Zustände und Armut in der Ukraine zu sehen. Ein Kurztrip mit dem eigenen Pkw, der sich an die Reihe der postiven Fußballtrips der drei Vorharzer nahtlos anschließt. Natürlich muss man schon ein klein wenig verrückt sein, einen solchen Wochenend-Kurzurlaub durchzuführen, aber das gehört eben mit dazu. Nach den Spielen Russ-land gegen Tschechien am Freitag in Posen und Deutschland-Portugal am Samstag in Lemberg/Urkaine klappte es am Sonntag mit der dritten Partie zwischen Irland und Kroatien leider nicht. Das Spiel war restlos ausverkauft, und auch auf dem „Schwarzmarkt“ waren keine Karten mehr zu ergattern. Besonders beeindruckt haben uns die Russen mit einem tollen, kombinationssicheren und schnellen Konterspiel, die herrlichen Fußballarenen und die Superstimmung. Nicht so schön war das Wetter: zwar warm, aber sehr viel Regen und Gewitter – aber das tat der guten Stimmung dann auch keinen Abbruch.

Der erste Tag – Breslau – EM-Spiel Russland gegen Tschechien: Für uns, die mit Fußballreisen bereits recht erfahrenen Ex-Fußballer des TSV Münchehof, gab es für den EM-2012-Kurztripp keine besonders großen Planungen. Nur die Karten für das Deutschland-Spiel hatte man kurzfristig für 90 Euro pro Karte erstanden. Organisator Harald Ahfeldt hatte die Routenplanung durchgeführt und die sonst erforderlichen Reisebedingungen gecheckt. So konnte es mit dem Pkw am Freitagmittag über die B 243, Herzberg, Nordhausen, die A 38, Halle, Leipzig und die A 4, Dresden sowie den Grenzübergang Görlitz nach Breslau /Wroclaw, dem ersten Zwischenziel, losgehen. Nach gut fünf Stunden und circa 550 Kilometer, fast ausschließlich Autobahn, kamen wir gegen 18.30 Uhr in Breslau am EM-Stadion an, welches ungefähr 9 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt liegt. Nach kurzem Public-Viewing im Zentrum von Breslau, wo eine unglaubliche Euphorie herrschte, buchten wir in etwa einem Kilometer Entfernung vom EM-Stadion ein eher einfaches Zimmer (Kosten 75 Euro) und wurden vom Gastgeber direkt vor das Stadion gefahren. Hier gab es auf dem „schwarzen Markt“ noch Karten en masse. Wir kauften Cat. 2 Karten à 40 Euro, laut Kartenaufdruck Einzelpreis 70 Euro, Sponsor Carlsberg – wie das auch immer gehen mag. Übrigens war der offizielle Ticketvorverkauf über die UEFA mit zahlreichen Losverfahren eine abolute Katastrophe – hier wurde uns keine Karte zugelost.
Mit dem Anpfiff saßen wir auf unseren Plätzen im Unterrang in der Nähe der russischen Auswechselbank. Die Russen machten ein Superspiel und zählen für uns in dieser Form mit zu den Titelfavoriten – allerdings enttäuschten die Tschechen auf ganzer Linie und verloren zu Recht 1:4 – Miroslav Kadlec von Bayer Leverkusen zeigte eine ganz schwache Leistung. Der Stimmung in rot – sowohl russische als auch tschechische Fans – schadete das jedoch in keiner Hinsicht. Beeindruckend auch die zahlreichen LaOla-Wellen. Im Anschluss trafen wir im VIP- Bereich, in den wir durch einen netten Zufall gerieten, noch auf den tschechischen Fußballstar Pavel Nedved, der bereitwillig Autogramme gab, mit dem Endergebnis naturgemäß aber nicht zufrieden war. In unserer Unterkunft diskutierten wir noch einige Zeit mit dort ebenfalls untergekommenen Russen, die bis in die frühen Morgenstunden feierten. Übrigens zeigten sich die Menschen aus Russland sehr spendabel. Als Harald Ahfeldt wegen fehlender Sloty im Stadion drei alkoholfreie Bier nicht bezahlen konnte – Euro wurde nicht akzeptiert – bezahlte kurzerhand ein hinter ihm stehender Russe mit. Ein perfekter Tag ging für uns zu Ende. Fazit: mit dieser Leistung gehört Russland zu den Favoriten.

Der zweite Tag – Reise nach Lemberg – Deutschland gegen Portugal: Am Samstagmorgen ging es mit gemischten Gefühlen weiter zum Austragungsort Lemberg in die Ukraine, Entfernung circa 600 Kilometer, davon 300 Autobahn. Nach den vielen Negativmeldungen in Presse, Funk und Fernsehen warteten wir gespannt auf die Überraschungen und negativen Vorhersagungen, wie zum Beispiel Baustellen, Stau, schlechte Straßen, Reifenpanne usw. Vorweggenommen: sämtliche Unkenrufe bestätigten sich nicht. Die Autobahn Breslau-Krakau ist perfekt, allerdings weitgehend gebührenpflichtig, die weitere Straße bis zur ukrainischen Grenze ist ebenfalls komfortabel, wenn auch mit unzähligen stationären Geschwindigkeitsmessanlagen versehen – hier ist eine entsprechende aktualisierte Warnsoftware für das NAVI beinahe unerlässlich, die uns bis in die Ukraine hinein wertvolle Dienste leistete.
An der Grenze kamen wir auf die eingerichtete EM-Green-Lane-Spur, Wartedauer bei der Einreise 30 Minuten, bei der Ausreise 45 Minuten – das hat uns positiv überrascht. Von der Grenze bis zum EM-Stadion Lemberg sind es etwa 70 Kilometer – weitere positive Überraschung: die Straße war sehr gut, keine nennenswerten Baustellen, keine Verzögerungen. Drei Stunden vor Spielbeginn waren wir in der Nähe des Stadions. Die Unterkunftssuche war wiederum unproblematisch. In ungefähr einem Kilometer vom Stadion an der Durchgangsstraße wurden wir bei der ersten Anfrage fündig. Für 30 Euro pro Person erhielten wir ein Cottage, sozusagen ein Reihenendhaus in der Hotelnebenanlage – allerdings abolut unterste Kategorie – eigentlich nicht zumutbar, aber für eine Nacht und frische Bettwäsche aufgezogen und ein ganzes Reihenendhaus (ehemaliger Pferdestall) für uns – wir griffen zu.
Etwa 90 Minuten vor Spielbeginn waren wir im neu erbauten Stadion, Kosten: um die 220 Millionen Euro. Mit knapp 35.000 Plätzen das kleinste EM-Stadion, aber sehr schick. Beim Fußmarsch von unserer Unterkunft zum Stadion konnten wir die nicht fertiggestellten Parkplätze bestaunen. Und es kam, wie für diese Gegend scheinbar üblich, ein gewaltiger Gewitterschauer herunter. Dieses Wetter begleitete uns die gesamte Zeit, teilweise sah es nach Weltuntergang aus. Im Stadion war dann aber wieder alles in Ordnung. Die Cat. 1 Karten, Verkaufspreis 60 Euro, hatten wir in Deutschland für 90 Euro je Karte erworben. Auf dem „Schwarzmarkt“ waren unmittelbar vor dem Spiel Karten noch unter dem Verkaufspreis zu erhalten.
Die Stimmung im Stadion war erneut unglaublich. Trotz der nicht immer guten Leistung und einigen Glücks unterstützten die deutschen Fans und auch die Ukrainer, die neben uns saßen, das deutsche Team mit pausenlosen Gesängen und Sprechchören – alles in deutscher Hand, hatte man das Gefühl. Wir saßen in Reichweite zu Jogi Löw und der deutschen Auswechselbank. Im ersten Spielabschnitt konnten wir uns an den Zweikämpfen zwischen Jerome Boateng und Ronaldo erfreuen und nach der Pause flitzte der kleine Phillip Lahm, der allerdings einen schwächeren Tag erwischt hatte, direkt vor unseren Augen die Linie hoch und runter. Der Ex-Dortmunder Steffen Freund und diverse andere SKY-Reporter saßen in unserer unmittelbaren Nähe. Und das alles in der Ukraine bei der EM – ein ganz starkes Feeling. Das machte richtig Spaß und da sieht man auch schon Mal über die eine oder andere Schwäche der deutschen Fußballstars hinweg. Bei der Versorgung waren die Ukrainer völlig überfordert. Im Stadion gab es alkoholfreies Bier (Vorgabe der UEFA für alle Stadien) und lediglich Knabberzeug zu essen (keine Bratwurst) und eine Siegesfeier konnte hinterher im Hotel auch nicht mehr stattfinden, weil das Personal mit den zugewiesenen Hostessen (Dolmetscherinnen) völlig überfordert war – es herrschte das absolute Chaos.
Lemberg war übrigens nach der Aufteilung Polens von 1772 bis 1918 österreichisch, gehörte dann zur UdSSR und ist seit 1991 Teil der selbständigen Ukraine. Allerdings – und jetzt die weniger schönen Dinge dort – herrscht dort eine sehr große Armut, die Infrastruktur in der 700.000-Einwohner-Stadt ist praktisch nicht vorhanden. Hier kann man sich am Pkw schnell einen Achsbruch zuziehen. Man sieht an der Altstadt, dass hier einmal Reichtum herrschte, allerdings verfallen die Häuser aus der Gründerzeit zusehends und die gepflasterten Straßen mit riesigen Löchern lassen das Auto­fahren nur im Schritttempo zu.

Der dritte Tag – Posen – Irland gegen Kroatien: Nach einer Kurzbesichtigung Lembergs am Sonntagmorgen und einem Frühstück bei McDonald’s war die Rückreise nach Polen wiederum völlig unproblematisch – keinerlei Kontrollen durch die Polizei. Allerdings wurde unser Vorhaben, innerhalb von drei Tagen drei EM-Spiele zu sehen, von starkem Sonntagsverkehr auf den 300 Kilometern Landstraße bis Krakau untergraben. Zudem gab es sintflutartige Regenfälle und Wassermassen auf den Straßen, so dass sich unsere Ankunft in Posen immer weiter nach hinten verschob. Als wir erst kurz nach Spielbeginn am EM-Stadion in Posen eintrafen, gab es zwar noch mehrere Hundert Kartensuchende, aber das Spiel war restlos ausverkauft und auch der „Schwarzmarkt“ gab bis auf eine Karte für 150 Euro nichts mehr her. Am Stadion bot sich übrigens ein fast unglaubliches Bild. Es sah aus wie auf einem Schlachtfeld nach einer ausgeuferten Saufparty. So waren wir gezwungen, uns dieses Spiel im Hotel auf einem Großbildschirm anzusehen.
Übrigens machten wir am dritten Tag noch einen Abstecher nach Auschwitz-Birkenau, wo während des zweiten Weltkrieges bis zu 1,3 Millionen Deportierte, überwiegend Juden, von den Nazis ermordert wurden. Ein beeindruckendes, schockierendes, erschütterndes Erlebnis.

Der vierte Tag – Rückreise: Die Rückreise erfolgte über die neue, aber gebührenpflichtige A 2 Posen-Berlin. Drei EM-Tage, auf die wir nicht verzichten möchten, gingen zu Ende. Die Eindrücke waren überwiegend positiv. Auch eine völlig neue Erwägung kam in Betracht: Werden vielleicht die Russen Euro­pameister?
Nach 2650 Kilometer kehrten zufriedene EM-Zuschauer unversehrt nach Hause zurück, glücklich über die Gastfreundschaft der Polen und Ukrainer.