Desolate Schulpolitik: Allein 100 Bad Grunder fahren heute zur Demo nach Göttingen

13.30 Uhr starten sie an der OBS Badenhausen, weitere Teilnehmer erwünscht / Altkreis reagiert auch kreativ auf die Entscheidung

Über den Alleingang der Göttinger Kreisverwaltung machten sich zwei ehemalige Oberschüler Gedanken. Zur Frage „Wen trifft es als nächstes?” entwarfen Laura Jill Pulst aus Herzberg (links) und Kevin Ohle aus Hattorf jeweils eine Karikatur zur desolaten Schulpolitik des Landkreises Göttingen.

Badenhausen. Fasslungslos sind die Bad Grunder noch immer, doch kampflos wollen sie die Entscheidung der Göttinger Kreisverwaltung, die Oberschule (OBS) Badenhausen frühestens im August 2019 zu schließen, nicht hinnehmen. Wie die Elternratsvorsitzende Tanja Kleindienst bereits im Gespräch mit dem „Beobachter” angekündigt hatte, werden sie sich auch kurzfristig organisieren. Ihren Worten lassen sie Taten folgen, zur geplanten Demonstration am heutigen Dienstag um 14.30 Uhr vor dem Göttinger Kreishaus starten auch 100 Eltern in Badenhausen, denn sie sind richtig sauer.

Bereits am Montagmittag war der Bus nach Göttingen voll

„Dem Kreis fehlt es bei diesem Vorgehen an Legitimation und jeglicher fachlicher Begründung”, heißt es im Aufruf des Schulelternrates der Oberschule Badenhausen. Vor allem wollen und können sie dieses Vorgehen nicht kommentarlos hinnehmen, auch die Eltern wollen ein Zeichen setzen: „So nicht!" Deshalb starten sie heute um 13.30 Uhr an der Oberschule Badenhausen in Richtung Kreishaus Göttingen. Die Rückkehr ist zwischen 18.30 Uhr und 19 Uhr geplant. Bereits am Montagmittag waren alle Plätze im Bus vergeben. „Obendrein haben wir 30 Privatleute, die mit ihrem Fahrzeug von der OBS aus starten”, sagt Tanja Kleindienst im Gespräch mit dem „Beobachter”. Wer nach Göttingen fahren will und noch Platz in seinem Fahrzeug hat, soll vorher zur Oberschule kommen, denn es werden sich bestimmt weitere Interessierte hier einfinden, die mit demonstrieren wollen.

Allein 100 Bad Grunder werden sich laut Aussage der Elternratsvorsitzenden auf den Weg machen. Tanja Kleindienst erwartet zwischen 200 und 500 Demonstranten vorm Göttinger Kreishaus. Hier treffen sich am heutigen Dienstag die Mitglieder des Kreisausschusses zur nichtöffentlichen Sitzung. Dirk Pejril, Sprecher der „Initiative zum Erhalt der OBS Hattorf“ der Elternvertretungen der OBS Hattorf und der Grundschulen Hattorf, Hörden, Elbingerode, Wulften und Osterode-Dreilinden, bezeichnete das Verhalten der Spitze der Landkreisverwaltung als echte Unterstützung zur Mobilisierung für den Protest am heutigen Dienstag: „Mit der Abriss-Birne Schulstrukturen im Altkreis Osterode platt zu machen, motiviert auch viele Menschen, die sonst nicht auf die Straße gehen“, beschrieb Dirk Pejril seine Wahrnehmung.

286 Schüler besuchen aktuell die OBS Badenhausen

Der von der Mehrheitsgruppe (SPD/Grüne/FWLG) im Kreistag dominierte Kreisausschuss wird sich am Dienstagsnachmittag mit der Auflösung der OBS Hattorf befassen, obendrein verkündete der zuständge Schuldezerent Michael Riethig am vergangenen Donnerstag in einem Nebensatz im Schulausschuss, dass in diesem Jahr noch über die Schließung der Oberschulen Bad Grund (gemeint war Badenhausen) und Bad Sachsa gesprochen wird. Ein Beben begann. Dieses Vorgehen überrascht nicht nur die Betroffenen sondern auch viele Menschen im Altkreis Osterode. „Es ist ein Witz, aktuell besuchen 286 Schüler unsere Oberschule, in Osterode gibt es keine Kapazitäten für unsere Schüler”, betont die Elternratsvorsitzende auf Anfrage.

Der Altkreis Osterode solidarisiert sich. Dirk Pejril sagte hierzu: „Das ist schon ein unglaubliches Vorgehen. Herr Riethig bestellt die Verantwortlichen aus Bad Grund und Badenhausen nach Göttingen und verkündet trotz politischen Streits um Hattorf parallel eine weitere Schließung im Altkreis Osterode.” Mit Blick nach Bad Sachsa ergänzt er: „Vermutlich werden die Verantwortlichen in Bad Sachsa Einladungen des Dezernenten zukünftig lieber ausschlagen.“ Seiner Meinung nach läuft die Schulpolitik im Landkreis Göttingen vollkommen aus dem Ruder, diese Einschätzung teilen sicherlich viele.

Im Altkreis Osterode rumort es heftig. „Die Schulabbauplanungen des Landkreises rufen immer lauteren Protest hervor. Wer Schulentwicklungsplanungen erwartet und mit Abrissplänen schulischer Strukturen konfrontiert wird, wird in Bezug auf bürgernahes Verwaltungshandeln und zukunftsorientierte Bildungspolitik enttäuscht“, erklärte der Sprecher der „Initiative zum Erhalt der OBS Hattorf“ Der Vertreter der Elterninitiative kritisierte die Gesamtsituation und betonte, dass hier Verwaltung und Politik einen Imageschaden erzeugen, der die Menschen im Altkreis Osterode nachhaltig in ein Spannungsverhältnis zur „Politik in Göttingen“ bringen könnte. Die Schließungspläne und abstrusen Abläufe sind für Lehrer, Schüler und Eltern schon eine belastende Situation.

Zwei ehemalige Schüler malen Karikaturen

Bei aller Anspannung und Verständnislosigkeit für dieses Vorgehen geht die Kreativität im Protest jedoch nicht verloren. Innerhalb einer Whats-App-Gruppe, bestehend aus Eltern, Schülern und sonstigen Unterstützern, sei die Idee zur Erstellung einer Karikatur zum Thema „Schulschließungen im Altkreis Osterode" entstanden und grob beschrieben worden. Von der Idee bis zur Umsetzung dauerte es keine 24 Stunden – die Zeit drängt ja auch mit Blick auf die bereits erwähnte Kreisausschusssitzung am heutigen Dienstag. Eine ehemalige Schülerin und ein ehemaliger Schüler der OBS Hattorf haben zwei Werke kreiert, die die Situation nach Auffassung vom Sprecher der Initiative trefflich darstellen. „Ich verrate nicht zu viel: Um eine Karikatur als Mittel gesellschaftspolitischer Kritik haben einzelne Verantwortliche auf Kreisebene beinahe gebettelt. Hier werden sich schon die richtigen Akteure wiedererkennen“, so Dirk Pejril.

Der Landkreis Göttingen beabsichtigte die Fusion der Oberschulen Hattorf und Herzberg unter dem Dach der Oberschule Herzberg und der Schließung der Außenstelle Wulften sowie, wie bereits erwähnt, die Schließung der Oberschulen Badenhausen und Bad Sachsa. Diesen Schritt begründet der Landkreis mit demografischen Zahlen sowie den Zahlen einer Elternumfrage, die er im Dezember 2017 durchführte. Der Vertreter der Elterninitiative kritisierte den Landkreis, auf der Basis derselben fehlerhaften und nicht belastbaren Elternbefragung, ohne echten Schulentwicklungsplan, weitere Schulschließungen nicht nur zu initiieren, sondern die Entscheidung den politischen Gremien auf Kreisebene sogar im Vorfeld abzunehmen. „Wenn hier nicht auf politischer Ebene eine Vollbremsung des Schuldezernenten und des Landrates vollzogen wird, müssen sich die Wähler fragen, wenn sie eigentlich wählen – Abgeordnete oder eine Verwaltung.

Fragen zur Beteiligung der Bad Grunder an der heutigen Demonstration vor dem Göttinger Kreishaus beantwortet die Elternratsvorsitzende der Oberschule Badenhausen, Tanja Kleindienst, gerne. Erreichbar ist sie unter der Telefonnummer 0151-28757606. Noch geben alle im Altkreis Osterode nicht auf.syg/hn

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