Übungsbefahrung im Stollen

Gerd Hintze startete mit Vertretern der Bergwacht und Untertagerettung

Dies ist eine der Untertageturbinen, die 1994 abgestellt wurde.

Gittelde. Wer an diesem Morgen am Mundloch des Ernst-August-Stollens in Gittelde vorbeikam, der dürfte sich gefragt haben, was die Männer und die eine Frau da vorhatten, als sie das Tor zu dem Einstieg öffneten. Nun, sie alle wollten unter Leitung des Vorsitzenden des Knappenvereins Bad Grund und Umgebung, Gerd Hintze, zu einer Übungsbefahrung starten.

Das hieß aber nicht, dass sie auf dem Grubenwasser mit einem kleinen Boot entlangschippern wollten. Denn, auch wenn ein Bergmann sich die Beine in den Bauch läuft, wird von Fahren gesprochen. So heißt eine Leiter auch Fahrte und die Personenbeförderung „Seilfahrt“.

Eben bei solch einer Befahrung auf dem Rammelsberg traf Hintze die befreundeten Vertreter Ulf und Ramona. Sie ist übrigens bis 1990 in Straßberg eingefahren. Beim Erinnerungsaustausch kam Hintze die Idee, die Vertreter der Bergwacht auch einmal in die Gemeinde Bad Grund einzuladen. Seine Idee sollte auf großes Interesse stoßen.

Doch bevor alle einfuhren, lud er sie erst einmal auf die Grube „Hilfe Gottes“ ein, um ihnen anhand von sehr ausführlichen Grubenrissen die 2,6 Kilometer lange Strecke von Gittelde bis Bad Grund näher zu bringen.

Dann begaben sie sich zum Mundloch, wo sie übrigens von Ortsbürgermeister Olaf de Vries und Horst Ahrens begrüßt wurden. Schließlich begaben sie sich in das Grubenwasser, das von der Grube „Hilfe Gottes“ kommt. Das nasse Element sollte ihnen von den Knien bis zur Hüfte reichen. Und ihre Kondition wurde außerdem durch die Strömung gefordert. Den Anstieg des Stollens merkten sie allerdings dadurch so gut wie gar nicht.

Trotzdem ließen es sich die Gäste nicht nehmen, Gerd Hintze auf den Weg der Bergbaugeschichte zu folgen. So erfuhren sie, dass der Ernst-August-Stollen zusammen mit den Querschlägen und Flügeln eine Gesamtlänge von 40,3 Kilometern hat. Er wurde übrigens nicht in der geplanten Bauzeit fertiggestellt. Aus den berechneten 25 Jahren wurden nämlich „nur“ zwölf Jahre und elf Monate. Das habe mit Sicherheit daran gelegen, dass an 18 Stellen zugleich begonnen wurde und man neun Durchschläge hatte. So erfolgte der erste Spatenstich 1851, und der letzte 1864.

Aber nicht nur die Geschichte war sehr interessant, sondern auch die Realität. Zu den sehenswerten geologischen Aufschlüssen gesellte sich nämlich eine Tafel, auf der geschrieben steht: „1. Januar 1856, 167 Lachter“. Das heißt, dass diese Tafel 167 Lachter vom Mundloch Gittelde entfernt angebracht worden ist.

Zwar dürfte vielen der Lachterstollen bekannt sein, aber was ist ein Lachter? Gerd Hintze erklärte, dass man bis 1873 unter Tage ein eigenes  Längenmaß, das Lachter, hatte. Doch war das nicht so einheitlich wie ein Meter. Während dieser überall 100 Zentimeter aufweist, geht das Maß des Lachters von 1,92 bis 2,20 Meter. Immer wieder habe es Probleme gegeben, weil die Landesgrenzen andere Maße mit sich brachten. Also wurde während einer großen Versammlung im Jahre 1873 beschlossen, alles auf einen Meter zu berechnen.

Bei der weiteren Fahrt, 141 Meter unter Tage, und in der 4. Sohle der Grube „Hilfe Gottes“,  stießen sie nicht etwa auf Werkzeug, sondern auf eine „aufgeklappte“ Schachttür. So wurden Spurlatten sichtbar, die einst die Förderkörbe führten. Die Rohre, die Zuleitungen, Fallrohre für das große Gefälle für die Turbinen des Kraftwerkes und für die Pressluftversorgung stießen auf großes Interesse.

Der Weg führte rund 150 Meter unter Tage und endete bei den Turbinen. Die Turbine des kleinen Gefälles erzeugte bis 1994 Strom für die Preussag. Die Turbine für das große Gefälle wurde bereits zwei Jahre zuvor ausgeschaltet. Mit den Turbinen hatten sie ihr Ziel aber noch nicht erreicht. Das war  nämlich der Schacht „Hilfe Gottes“.

Nach einer Verschnaufpause machten sich alle auf den Rückweg, der wesentlich schneller bewältigt werden konnte als der Hinweg. Denn sie mussten weder bergauf fahren noch gegen das Wasser ankämpfen. Nach rund acht Stunden war das Mundloch des Ernst-August-Stollens wieder erreicht.

Die Bergrettung interessierte diese Befahrung vor allem deshalb, weil diese Fachgruppe der Untertagerettung eine Form der organisierten Kameradenhilfe ist und damit die Tradition der Bergwacht nahtlos fortsetzt. Der Ausbildungs- und Einsatzschwerpunkt liegt in der Untertagerettung im Altbergbau.

Natürlich sind die Kameradinnen und Kameraden auch bereit und in der Lage, in natürlichen Höhlen die Kameraden in der Höhlenrettung zu unterstützen.

Die Fachgruppe Untertagerettung unterstützt aber auch die herkömmlichen Hilfsorganisationen mit Fachkenntnis und speziellem Gerät mit dem Schwerpunkt Altbergbau-Rettung. Die Mitglieder sind Spezialisten, die aus verschiedenen Teilen Nord- und Mitteldeutschlands ehrenamtlich zum Einsatzort anreisen.

Vor zehn Jahren wurde sie aus der Taufe gehoben, die Mitglieder kommen aus dem Erzgebirge, dem Ostharz, Weserbergland, Münsterland und dem bergischen Land bei Köln. Die 50 Frauen und Männer kommen aus dem gesamten Bundesgebiet, sind ehrenamtlich tätig und tragen sämtliche Kosten selbst, auch die der Ausrüstung.pb

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