Die „Max-und-Moritz-Universität“ weicht Netto und Rossmann

Nach rund 90 Jahren steht das Aus für das alte Gebäude der Wilhelm-Busch-Realschule bevor

So sieht der Lageplan für den Bereich der ehemaligen Realschule aus. Im vorderen Bereich sind die Parkplätze geplant, hinten links Rossmann, rechts daneben Netto.

Bockenem. Die „Max-und-Moritz-Universität“, wie die Wilhelm Busch-Realschule der Stadt Bockenem von den ehemaligen Schülern und den älteren Einwohnern liebevoll genannt wurde, hat ausgedient und wird jetzt, wovon sich jeder vor Ort selbst überzeugen kann, nach rund 90 Jahren dem Erdboden gleichgemacht. An ihrer Stelle wird ein Verbrauchermarkt entstehen, mit dem sich das Bild der Stadt in diesem Bereich erheblich verändern wird.

Das Hauptgebäude, welches momentan noch steht, wurde am 20. April 1927 als Mittelschule eingeweiht, womit die seit 1925 bestehenden Pläne, die gehobene Abteilung der 1906 eröffneten Volksschule aufzuwerten und eine staatliche Anerkennung durch Bildung einer sogenannten Mittelschule zu erhalten, ihren erfolgreichen Abschluss fanden. Die neue Unterrichtsanstalt eröffnete damals mit 100 Schülern in sechs Klassen. Ihr Leiter war Dr. Friedrich Fulda, der bei einem letzten Volkssturmaufgebot 1945 vor Hildesheim fiel. Die Finanzierung des Baus hatte ein eigens gebildeter Schulverein aufgebracht, dessen Mitglieder auch aus den umliegenden Dörfern stammten. Die Trägerschaft oblag der Stadt, welche bis in die sechziger Jahre hinein auch ein Schulgeld erhob.

Die Entwicklung und die Geschichte dieser Schule ist dank umfangreichen Materials im Bockenemer Stadtarchiv gut dokumentiert. Nach den ersten sechs Jahren einer ruhigen und aufbauenden Schularbeit brachte die Zeit des Nationalsozialismus politisch und ideologisch eine völlige Neuorientierung. Bereits im April 1933 hatte der Bockenemer Stadtrat den Beschluss gefasst, der Schule den Namen des Reichsministers Bernhard Rust, einem alten Parteistrategen, anzutragen, gleichzeitig ihm und den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg und den Reichskanzler Adolf Hitler die Ehrenbürgerschaft zu verleihen und verschiedene Stadtstraßen nach bekannten NS-Führern umzubenennen. Der Name Rust-Schule hielt sich, wie auch die Straßenbezeichnungen bis Kriegsende, die Ehrenbürgerschaft besteht jedoch immer noch.

Ideologisch lag diese Rust-Schule voll auf der politischen Linie und neben der Stadthalle diente sie dank ihrer zentralen Lage mit der Aula als Kultur- und Veranstaltungszentrum, diese Funktion behielt sie bis hin in die siebziger Jahre hinein. In die neue politische Ausrichtung passte damals im Jahr 1933 auch eine Kooperation mit der Oberrealschule Seesen.

Nach 1945 besetzten die Rektorenstelle die Lehrkräfte Obermann, Schubert und Bohn, bis sie 1956 an den bekannten Heinz Steen ging, der sie bis 1980 inne behielt. Dieser Schulleiter machte sich insbesondere um die Kulturförderung verdient, und er stand für die Ausrichtung der Bockenemer Musiktage. 1980 zählte die Wilhelm-Busch-Realschule, so ihr neuer offizieller Name, 470 Schülerinnen und Schüler, welche von 28 Lehrkräften unterrichtet wurden. Diese Zahl konnte nur erreicht werden, nachdem es 1964 zu einem Erweiterungsbau gekommen war, der momentan als erster abgerissen wird.

In der gesamten Zeitspanne der sechziger bis achtziger Jahre gab es mindestens fünfmal den Versuch, die Schule durch Schaffung eines gymnasialen Zuges aufzuwerten. Das scheiterte aber stets an fehlender Nachhaltigkeit, in den achtziger Jahren insbesondere am Widerstand, den der damalige SPD-Fraktionsvorsitzende Alfred Loske aufgebaut hatte und auch am Kollegium der Realschule. Ein gymnasiales Angebot innerhalb des Sekundar-I-Bereichs konnte allerdings erreicht werden, doch in Bad Salzdetfurth kam man vor einigen Jahren mit der Einrichtung einer Integrierten Gesamtschule bis hin zum Abiturabschluss erheblich weiter.

1976 hatte dann der Landkreis Hildesheim die Trägerschaft für den gesamten Sekundar-I-Bereich übernommen und damit auch die Bockenemer Realschule. Damit begannen bis in die neunziger Jahre hinein mehrere bauliche Erweiterungsphasen der Orientierungsstufe sowie Hauptschule in der Karl-Binder-Straße, der heutigen Oberschule, wohin sich dann auch die Realschule verlagerte, deren Gebäude danach leer blieb.

Nach Konrad Riess (1980 bis 1996) und Ulrich Kunze (ab 1996) als neue Leiter konnte dann immerhin noch das 75-jährige Bestehen im Jahre 2002 mit einem Festakt begangen werden. Danach setzten die Versuche des Landkreises ein, dass nunmehr leerstehende Gebäude loszuwerden. 2007 schien es einen Käufer zu geben. Dieser Investor namens Ratisbona wollte einen Netto-Verbrauchermarkt errichten. Doch dazu kam es nicht, weil er wieder absprang.
Der Landkreis diskutierte zu dieser Zeit auch den Bau von Wohnungen und die Bildung einer Gesamtschule, doch sah er sich letztlich zu einer erneuten Ausschreibung genötigt, auf die hin der Bockenemer Geschäftsmann Mario Knittel das Objekt übernahm, um in ihm Pflegedienste und Arztpraxen einzurichten. Doch auch dazu kam es nicht. Ein neuer Erwerber hat nunmehr die Initiative übernommen.

Aus Sicht zahlreicher Bockenemer wären in den vergangenen Ratsperioden kommunalpolitisch vielleicht auch andere Optionen möglich gewesen. Darüber zu diskutieren ist heute allerdings müßig, das Ende des Gebäudekomplexes längst besiegelt.red

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