Ein Fenster zur Stadtgeschichte

Am Buchholzmarkt gut erhaltene Bestattungsreste und überraschendes Fundament ausgegraben

Akribisch gehen die Archäologen und Anthropologen der Firma Arcontor bei den Ausgrabungen an der Nordseite der Bockenemer St.-Pankratius-Kirche zu Werke. Ganz nebenbei wird im Hintergrund das Fugenmauerwerk der Kirche saniert.

Bockenem. Was Passanten zum Staunen bringt und für sie fast schon wie eine Sensation wirkt, das ist für die Experten das ganz normale Alltagsgeschäft. Die Freude darüber ist nichtsdestotrotz jedesmal groß. So wie gerade in Bockenem. Bei Baggerarbeiten im Zuge der gerade begonnenen Maßnahmen zur Umgestaltung des Buchholzmarktes sind nach Jahrhunderten Knochenfunde ans Tageslicht gekommen, und zwar an der Nordseite der St.-Pankratius-Kirche. Hier haben einst viele Menschen ihre letzte Ruhestätte gefunden. „Wir haben einen spätmittelalterlichen beziehungsweise frühneuzeitlichen Grabungsbefund vor uns“, sagt Marius Miche von der Destedter Firma Arcontor, die mit den archäologischen Ausgrabungen in diesem Bereich betraut ist.

„Bockenem ist eine historische Stadt. Da ist mit solchen Funden im Ortskern zu rechnen, und da werden bei großen Baumaßnahmen archäologische Grabungen sogar zur Auflage gemacht“, erklärte Bürgermeister Rainer Block bei einem Vor-Ort-Termin. „Und darüber hält sich die Begeisterung auf Seiten der Bauherren meistens in Grenzen“, weiß Friedrich-Wilhelm Wulf vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege. Die hätten nämlich die Kosten zu tragen und müssten mit Verzögerungen rechnen. Alle Beteiligten sprachen aber von einer guten Zusammenarbeit. Die Maßnahmen werden so abgestimmt, dass möglichst keine zeitlichen Verzögerungen eintreten. Zum einen werden daher nicht alle Schichten freigelegt, zum anderen bedient man sich mit der Photogrammetrie (Bildmessung) eines beschleunigten Dokumentationsverfahrens. Genaue Zeichnungen, Knochen für Knochen, fallen damit weg.

Etwa 33 Bestattungsreste aus dem 15./16. Jahrhundert hat man mittlerweile längs des Kirchenschiffs gefunden, in 80 bis 110 Zentimetern Tiefe; wie bei christlichen Gräbern üblich, mit Blickrichtung nach Osten. Um die Funde genauer datieren zu können, sollen noch Untersuchungen nach der sogenannten Radiokarbon (C14)-Methode vorgenommen werden, denn in abgestorbenen Organismen nimmt der Anteil an gebundenen radioaktiven Kohlenstoff-Atomen gemäß dem Zerfallsgesetz ab. Auch Sargreste aus Holz und Eisennägel gehören zu den Funden.

So ganz nebenbei profitiert übrigens auch die Kirchengemeinde von den Ausgrabungen. „Wir erhalten so die einmalige Gelegenheit, uns das Fundament der Kirche einmal genau anzuschauen“, erklärt Pastor Ralph Thomas Strack. Und siehe da: Das Fugenmauerwerk zieht Feuchtigkeit, bröckelt an vielen Stellen und hat eine Sanierung dringend nötig. Das wird nun gleich mitgemacht. 20.000 Euro hat der Kirchenkreis dafür bereit gestellt.

Einer, der die Bockenemer Stadtgeschichte kennt wie seine eigene Westentasche und viel dazu publiziert hat, ist der frühere Stadtheimatpfleger Manfred Klaube. Was ihn und tatsächlich auch die Archäologen am meisten fasziniert, ist noch eine ganz andere Entdeckung. Dabei handelt es sich um das Mauerfundament eines früheren Kirchenportals. Und das gestaltete sich offenbar äußerst großzügig, wie die verbundenen massiven Steinquader vermuten lassen. Und so keimt die Hoffnung, dass dieser Fund tatsächlich eine Lücke schließen und Aufschluss geben könnte über eine ältere Bauphase der Kirche. „Über die Architekturgeschichte dieses Kirchbaus ist ohnehin wenig bekannt“, so Marius Miche. Entsprechende Dokumente sind dem großen Stadtbrand im Jahr 1847 zum Opfer gefallen.

Und was geschieht mit den freigelegten Gebeinen? „Wir wissen zwar noch nicht wo genau, aber sie werden auf dem Bockenemer Friedhof wiederbestattet“, sagte Pastor Ralph Thomas Strack.kno

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