Große Veränderungen sind im Kommen

Strommasten, Windräder und ein 3. Autohof? Die Landschaft im Ambergau wandelt sich stark

So stellt sich die Landschaft des Ambergaus vom Weinberg aus gesehen in der Fotomontage dar, wenn die 380-kV-Stromleitung und die Windräder am Königsturm gebaut sind.

Bockenem. Während der größte Teil der Bevölkerung im Stadtgebiet Bockenem die bereits stattgefundenen und die in den nächsten Jahren anstehenden räumlichen Veränderungen offensichtlich kaum oder gar nicht zur Kenntnis nimmt und sie damit ignoriert, hielten es jetzt am Dienstag der Bürgerverein und die Bürgerinitiative Ambergau für geboten, auf einer gut besuchten Veranstaltung in der Volkersheimer Gastwirtschaft Linne diese Veränderungen zu thematisieren und sie bildlich in Form von Fotomontagen vorzustellen. Dabei waren es insbesondere die beiden Aktivatoren Siegfried Berner und Rolf Richter, welche die erforderlichen Vorbereitungen übernommen hatten und die Ergebnisse vorstellten. Das Thema: „Unser Ambergau - was soll aus ihm werden, was kommt noch auf uns zu?“

Die räumlichen Gegebenheiten hätten sich in den letzten Jahren bereits nicht unerheblich verändert, und angesichts der sich abzeichnenden gravierenden Einschnitte werde sich die Lebensqualität, insbesondere ihre räumliche Komponente, deutlich verschlechtern - so die Botschaft der beiden Vortragenden und diverse Beiträge in der anschließenden Diskussion.

Zu den bereits stattgefundenen Veränderungen zählten das Repowering der fünf Windräder bei Ilde/Evensen mit der Folge deutlich längerer Schlagschatten insbesondere für Ilde, der sechsspurige Ausbau der Autobahn mit erheblich höheren Lärmbelastungen, der Bau von drei großen Biogasanlagen, wobei die anfallende Geruchsbelästigung von einer dieser drei zur Sprache gebracht wurde, und die Anlage des neuen Gewerbegebietes an der Walter Althoff-Straße, in welchem das tägliche randliche Parken großer von der Autobahn kommender Trucks zunehme.


Bodenuntersuchungen für Strommasten laufen

Eine einschneidende und nachhaltige Veränderung im Landschaftsbild werde die den Ambergau von Ost nach West querende 380-kV-Hochspannungsleitung bringen, für deren Bau inzwischen die Bodenuntersuchungen liefen. Dabei handele es sich um insgesamt 32 bis zu 86 Meter hohe Masten mit seitlichen Auslegern in der Breite von 30 bis 35 Metern. Im Vergleich dazu messe die Höhe des Turms der Bockenemer St. Pankratius-Kirche lediglich 60 Meter. Für die Querung dieser Hochspannungsleitung durch den nördlichen Hainberg östlich von Schlewecke müsse zudem dort eine Schneise von 50 Metern Breite geschaffen werden.

Während diese 380-kV-Leitung oberirdisch verlaufe, werde die den Ambergau von Nord nach Süd durchziehende Südlink-Leitung unterirdisch verlegt. Sie laufe in etwa parallel zur Autobahn und an Schlewecke, Volkersheim, Bockenem und Bornum vorbei. Auch hier müsse erst einmal eine breite Schneise geschaffen werden.

Eine erhebliche Belastung der Landschaft werde auch die geplante Windkraftanlage zwischen Bockenem und Bornum bringen, in welchem die Investor gern sieben Windräder errichten würde, die einschließlich ihrer Flügellänge rund 220 Meter in die Höhe ragen würden. 2012 wurden in diesem Zusammenhang noch elf Anlagen anvisiert, für welche 35 Eigentümerparteien in Frage gekommen wären. Derzeit gehe es auf eine Verkleinerung dieser Fläche hinaus, die entgegen den im Herbst letzten Jahres geäußerten Wünschen der politischen Fraktionen jedoch noch erheblich über der Quote von 0,54 Prozent lägen, die im Landkreis den Durchschnittswert im Verhältnis Windkraftfläche zur Gesamtfläche darstellten. Der vorliegende Planentwurf vom 3. Januar 2018, der nun zur Auslage kommen soll, damit die Stellungnahmen dazu abgeben werden können, reduziere die Fläche dieses Windkraftareals auf nunmehr 67 Hektar, wobei gesetzlich 51 Hektar reichen sollten. Das sei völlig unverständlich und widerspreche den Wünschen, die von politischer Seite geäußert wurden, so die beiden Vortragenden.

Die jetzt zum Zwecke der Reduzierung in den Planentwurf eingebaute Schaffung eines rund 160.000 Quadratmeter großen neuen Gewerbegebiets südlich vor Bockenem im Bereich zwischen Bundesstraße und Autobahnzubringer sei zudem öffentlich bislang noch überhaupt nicht behandelt worden, was jedem derartigen normalen Verfahren widerspreche.

Zu allem komme wohl die Anlage eines dritten großen Autohofes direkt an der Autobahnzufahrt hinzu. Hier sollen auf einer Fläche von 60.000 Quadratmetern, die sich bis zur vormaligen Ziegelei Hellemann ziehen wird, einschließlich der Betriebsgebäude 180 Stellplätze für Trucks und 120 für Personenkraftwagen geschaffen werden. Abgesehen von der dafür erforderlichen Versiegelung weiterer Flächen, sei hier mit einer erheblichen künftigen Lärmbelastung zu rechnen, die man weithin vernehmen werde.

Angesichts dieser Entwicklung verliere die vielgepriesene Attraktivität der Ambergaus jegliche Bedeutung. Das zeige sich auch darin, dass Bockenem im Landkreisgebiet die Entwicklung der Immobilienpreise betreffend momentan am untersten Ende der Skala liege, alle anderen Gemeinden hinter sich lassend. Konnte man für ein Einfamilienhaus 2011 bei einem Verkauf im statistischen Schnitt noch 105.000 Euro erzielen, so 2017 lediglich noch 74.000. Siegfried Berner wörtlich: „Wenn wir unsere Landschaft so verschandeln, müssen wir uns über das Ergebnis nicht wundern. Mit der Attraktivität ist es mittlerweile vorbei.“

Bisher kaum konkrete, weiterführende Gedanken

Wie soll es nun weitergehen, was ist der richtige Weg?, so die auffordernde Frage zu der anschließenden Diskussion. Diese allerdings verlief trotz zahlreicher Wortmeldungen ohne konkrete weiterführende Gedanken. Das lag zum Teil dann aber wohl an den unterschiedlichen Voreinstellungen und Interessen der anwesenden 70 Teilnehmer, wobei berücksichtigt werden muss, das zahlreiche Grundstückseigner im Ambergau im Zusammenhang mit den beiden Hochspannungstrassen und der neuen Windkraftanlage auf anstehende Entschädigungszahlen schielen, wenn solches in Gesprächen meist immer auch als abwegig und unzutreffend zum Ausdruck gebracht wird.

Das vielleicht konkreteste weiterführende Ergebnis dieses Abends ist darin zu sehen, dass immerhin 44 der 70 anwesenden Personen eine Petition an die von der Bevölkerung gewählten Mitglieder des Stadtrates unterzeichneten, in welcher diese aufgefordert werden, den anstehenden Auslegungsbeschluss in Sachen Windkraft im Ambergau auf der kommenden Ratssitzung nicht auf den Weg zu bringen, vielmehr zu versuchen, das in Frage kommende Windkraftgebiet zwischen Bockenem und Bornum weiter auf dasjenige Ausmaß zu verkleinern, welches der Rat ursprünglich vor wenigen Monaten noch gefordert hatte. Diese 44 Unterzeichner machen 68 Prozent der anwesenden Teilnehmer aus.

Der Bürgervereinsvorsitzende Hans Jochen Martini, welcher diesen Informationsabend eingeleitet hatte, sicherte am Schluss zu, dass der Bürgerverein anknüpfend an seinen Satzungsauftrag auch als Diskussionsforum für kommunalpolitische Themen es wie in früherer Zeit wieder halten werde, in Abständen weniger Monate zu bestimmten die Einwohnerschaft interessierenden Themen einzuladen. Damit könnten sicherlich auch wieder mehr Personen kommunalpolitisch sensibilisiert werden.mk