„Ich habe mir meine Freiheit erkauft“

Perihan Köhler berichtet beim Bürgermahl über ihre Lebensgeschichte / 120 Gäste sind neuer Rekord

Perihan Köhler hat ihre beeindruckende Lebensgeschichte beim Bürgermahl vorgetragen. Neben viel Applaus überreichten ihr Katharina Marten und Gerd-Christian Barte auch einen Präsentkorb.

Bönnien. Auch das inzwischen 8. Bürgermahl der Bürgerstiftung Bockenem/Ambergau war ein voller Erfolg. 120 Personen wollten sich die Mischung aus gutem Essen, Gesprächen und einem interessanten Vortrag nicht entgehen lassen. Nicht zuletzt unterstützen die Teilnehmer auch einen guten Zweck. „Mehr Gäste hatten wir noch nie“, war der Stiftungsvorsitzende Gerd-Christian Barte erfreut. Rund 4.000 Euro nimmt die Stiftung in diesem Jahr durch das Bürgermahl ein, denn zusätzlich gibt es den ein oder anderen Spender, der zwar nicht teilnehmen kann, aber gerne den ein oder anderen Euro gibt. „Auch wenn die Zeiten für Stiftungen nicht gut sind, finanzielle Experimente wird es aber nicht geben“, so Barte weiter.

Immerhin konnten im vergangenen Jahr auch so 3.000 Euro ausgegeben werden. Ob Eine Puppenküche für die Weinbergschnecken, die Ferienbetreuung der Freiwilligenagentur MiA, die Aktion „Ein guter Start für Lisa und Jan“, das Projekt „Klasse 2000“ der Grundschule Bornum oder der soziale Tannenbaum – immer kommt das Geld Kindern und Jugendlichen im Ambergau zugute. Und das wird es auch in diesem Jahr wieder. „Wir nehmen gerne noch Ideen auf, welche Projekte wir unterstützen können“, ruft Barte auch die Bevölkerung auf, Hinweise zu geben. Freuen kann sich die Stiftung auch über einen Zuwachs von zehn Prozent an Stiftern. Deren Zahl ist nun auf 70 angewachsen. Es sei eine tolle, aber keine elitäre Gemeinschaft, neue Stifter immer gerne gesehen. „Wir sind ein gutes Team im Vorstand, die Arbeit bereitet viel Spaß“, berichtet Barte.

Anschließend berichtete Perihan Köhler aus ihrem ereignisreichen Leben. Die Geschäftsführerin des Druckhauses Köhler in Harsum stammt aus dem türkisch-syrischen Grenzgebiet. Mit ihrem türkischen Heimatland hat sie abgeschlossen: „Die würden mich direkt an der Grenze einkassieren.“ Im Alter von 19 Jahren kam sie 1973 nach Deutschland, schon zuvor hatte sie großen Willen bewiesen. Denn als sie sechs Jahre alt war, wollte sie unbedingt in die Schule. Als ihr Vater dies aus Geldgründen verweigerte, er wollte nur in seine Söhne investieren, trat sie in einen zehntägigen Hungerstreik. „Ich hatte einfach Riesenlust, etwas zu lernen“, erzählt sie. Mit sieben Jahren wurden sie dann doch eingeschult.

„Es hört sich wie ein Märchen an, aber ich habe meine Füße in die Hände genommen und etwas getan. Ich war zwar die Ärmste, aber immer die Klassenbeste.“ Nach dem Abitur war für ein Studium erneut kein Geld da. Sie begann eine Banklehre, um ihre Familie finanziell zu unterstützen. Als sie 18 wurde, suchten die Eltern einen passenden Ehemann. Sie bat darum, nach Deutschland gehen zu dürfen. Schmackhaft machte sie dies dem Vater mit dem Hinweis, dass sie dort mehr Geld verdienen und somit die Familie auch mehr unterstützen könne. Er stimmt schließlich zu. „Ich habe mich praktisch freigekauft“, so Köhler im Rückblick.

In Deutschland angekommen wurde ihre Banklehre jedoch nicht akzeptiert, sie begann bei Blaupunkt in Hildesheim. Zu sich selbst sagte sie: „Hier musst du Gas geben und erlernen, wie die Menschen ticken.“ Sie lernte die Sprache und passte sich so gut es ging an. Was nicht einfach war, denn zu der Zeit gab es noch keine Unterstützung, wie es heutzutage der Fall ist.

Ihr Chef bei Blaupunkt, Clemens Köhler, wurde später ihr Mann. Dessen Eltern, gläubige Katholiken, meinten bei der ersten Begegnung, sie würden sie „als Tochter aufnehmen, die wir nie hatten.“ Perihan Köhler lobt ihre Schwiegereltern in den höchsten Tönen. Genauso wie ihre neue Heimat insgesamt: „Deutschland ist ein ganz wunderbares Land und das Volk spitze.“ Nur eines könne sie nicht verstehen – warum ständig über das Wetter gemeckert werde. „Ihr habt von Sommer bis Winter alles, genug Regen und die Landschaft ist wunderbar!“ Gemeinsam mit Mann und Schwiegereltern wohnt sie in Adlum in einem „sehr geborgenen Haus.“

Sie habe ganz unten angefangen und sich hochgearbeitet. Das sei eine tolle Erfahrung gewesen. Sie erwarte auch heutzutage von den Ausländern, dass sie sich integrieren. Sie empfinde große Dankbarkeit gegenüber Deutschland und möchte etwas zurückgeben. So finanziert die 65-Jährige beispielsweise den Malteser Herzenswunschwagen mit, bei dem auch eine ihrer beiden Töchter mitarbeitet. Moslem sei sie nur noch auf dem Papier, stattdessen katholischer als viele Katholiken.

Der mal amüsante, mal nachdenkliche Vortrag wurde von den Gästen begeistert aufgenommen. Neben viel Applaus gab es vom Stiftungsvorstand als Dank einen Präsentkorb mit Ambergauer Spezialitäten.dh

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