Die sichere Geburt – nur in der Klinik?

Dokumentarfilmvorführung in Heckenbeck stellt grundsätzliche Fragen zum Thema Geburt

„Die sichere Geburt“: Hebamme Silvia Brenner-Schürmann (links) konnte einen vollen Saal begrüßen. Die geplante Diskussion nach dem Film fiel allerdings weitestgehend aus.

Heckenbeck. Kinder zu bekommen ist eine der natürlichsten und selbstverständlichsten Sachen der Welt. Bei der sich in Jahrtausenden ohne Zweifel vieles verändert, damit genauso zweifellos auch verbessert hat. Die Veränderungen sind auch in der jüngsten Vergangenheit nicht abgeschlossen, die Roswithastadt musste das im vergangenen Jahr erst wieder erfahren, als die Geburtenstation am örtlichen Krankenhaus geschlossen wurde. Nicht erst an diesem Punkt wurde und wird in Deutschland (wie auch in anderen Ländern) darüber diskutiert, was eigentlich das richtige Umfeld für eine Geburt sein und wie sie ablaufen sollte.
Die Dokumentarfilmerin Carola Hauck hat sich mit dieser Frage aus verschiedensten Blickwinkeln auseinandergesetzt und einen zweistündigen Film geschnitten, der unter dem Titel „Die sichere Geburt – Wozu Hebammen?“ Mitte 2017 Premiere hatte. Am vergangenen Wochenende gab es eine Vorführung dieses Films im Saal der Heckenbecker Weltbühne. Den Anstoß zu dieser Veranstaltung hatte die Heckenbecker Hebamme Silvia Brenner-Schürmann gegeben. Sie konnte einen vollen Saal begrüßen, im Publikum auch eine Handvoll Männer, die Jüngeren vielleicht noch Väter in spe.

Die gravierendste Veränderung in der Geburtenlandschaft ist die Abwendung von Hausgeburten hin zu denen in der Klinik. Entstanden aus dem Gefühl von mehr Sicherheit, vor allem bei Komplikationen. Und soweit auch sicher verständlich. Nun bedient sich die Geburtshilfe in der Klinik aber auch anderer Methoden und Möglichkeiten. Wie zum Beispiel bestimmter Interventionen im Laufe einer anstehenden Geburt. Dazu gehören das Legen eines Venenzugangs (für den Fall der Fälle...), die Gabe wehenfördernder oder schmerzstillender Medikamente wie bei der Periduralanästhesie (PDA) und anderes mehr.

Damit, sagen Kritiker, habe sich die Geburt im Jahre 2018 weit von dem entfernt, was eigentlich den Gebärenden, den Frauen, gemäß sei. In der Tat kamen in der Dokumentation eine Reihe von Frauen zu Wort, die sich bei der Geburt „behandelt“ fühlten, mehr wie Patienten, obwohl eine Geburt weder als Krankheit noch klinische Indikation zu sehen ist.

Umgekehrt sei das, was über das Gefühl eine solche Geburt besonders mache, vielfach im klinischen Betrieb viel zu kurz gekommen, so die Klage. Die Betreuung durch die Hebammen einer Geburtenstation, die – wie bekanntlich auch in der Station der Northeimer Helios-Klinik nicht anders als in anderen deutschen Kliniken – vornehmlich an der Effizienz und jährlichen Kinderzahl gemessen wird – nehme zunehmend den Charakter eines Fließbandbetriebes an. Die individuelle Betreuung bleibe auf der Strecke.

Mit einer weiten Bandbreite an Folgen, wie der Dokumentarfilm untendenziös wie sachlich darlegte. So weisen Statistiken und Untersuchungen klar darauf hin, dass Geburten mit Interventionen wie den genannten eher zu Komplikationen führen als ohne solche. Die Kritik lautet unter anderem, es werde nicht selten versucht, einen Geburtsvorgang zu beschleunigen. Die Signale des Körpers dabei aber einfach zu übergehen oder gar auszuschalten, habe für Mutter und Kind gravierende Folgen.

Einen breiten Teil der Dokumentation nahm die Frage ein, warum Geburten heute überwiegend im Liegen erfolgen müssten. Osteopathen legten eindrücklich dar, dass dies für die zur Geburt sinnvollsten Körperhaltungen unsinnigste Lage sei, weil das Becken der Frau dadurch einen Großteil seiner für die Geburt geschaffenen Beweglichkeit verliere. Das Kind hat es schwerer, den dadurch engeren Geburtskanal zu passieren, überhaupt richtig hineinzufinden, was andersherum bei der natürlichen Geburtshaltung in der Hocke schon durch die Schwerkraft erleichtert würde.

Für viele Zuschauer neu gewesen sein dürfte des Weiteren, welche Probleme aus einem zu frühen Abklemmen und Durchtrennen der Nabelschnur herrühren können. Bekannt ist, dass der Mutterkuchen das Kind auch noch nach der Geburt eine Zeitlang versorgt. Es findet außerdem eine Blutmengenverlagerung vom Mutterkuchen zum Kind hin statt. Wird sie zu früh unterbrochen, fehlt dem Kind Blut, das es gerade in den ersten Minuten nach der Geburt zur Entfaltung und Erstdurchblutung der bis dahin nicht genutzten Lungenflügel braucht. Im Mangelfall sind schwerwiegende Folgen möglich, die das ganze weitere Leben mitprägen.

Für die Mutter wird zudem die Nachgeburt erheblich leichter, wenn der Mutterkuchen die Blutlast abgegeben hat. Der dann deutlich zusammengefallene Mutterkuchen ist leichter abzustoßen.

Zu guter Letzt die Statistiken zur Frage einer sicheren Geburt: Das, was heute den übergroßen Teil an Geburten ausmacht, ein Kind in klinischer Umgebung zur Welt zu bringen, ist sicher; aber nicht sicherer als es in einer häuslichen oder der Umgebung eines Geburtenhauses auch wäre. Vieles, von dem, was den Gebärenden als Sicherheit gepriesen wird, bringt als Intervention wieder neue Risiken mit.

Im Ganzen ist der Film damit ein Plädoyer, die Entwicklung der modernen Geburtshilfe kritisch zu überdenken und erkennbare Fehlentwicklungen zurückzudrehen. Was in der Konsequenz tiefgreifend sein kann, denn es würde damit auch wieder einen starken Trend zu anderen Geburtsformen geben. Der wiederum verträgt sich aktuell kaum mit den nackten Kostenvorgaben unseres Gesundheitssystems.

Die an sich im Nachhinein geplante Diskussion gab es nur in kleinem Rahmen. Es ist aber geplant, den Film im Herbst noch einmal im Gandeon zu zeigen, und dann eine Diskussion darüber zu führen.rah

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