Eltern wehren sich gegen Zentrallösung der Kinderärztlichen Notdienstsprechstunde

Im Landkreis wird der kinderärztliche Notdienst verändert / Schon andere Regelung für Seesen und SG Lutter

Vor dem Hotel „Der Achtermann“ hatten sich einige Eltern zusammengefunden, um für den Erhalt der noch bis zum Ende dieses Jahres gängigen Praxis zu protestieren.

Region. Nach vorweihnachtlicher Stimmung war den Eltern am Mittwochnachmittag in Goslar überhaupt nicht zumute. Im Gegenteil. Sie sind fassungslos, stinksauer und geschockt. Statt über den Weihnachtsmarkt zu bummeln, griffen sie bei Schneeregen zur Trillerpfeife, hielten Plakate hoch. „Keine Anfahrtswege von 60 Kilometer und mehr“ und „Erhaltet den Kinderärztlichen Bereitschaftsdienst“ war dort unter anderem zu lesen. Vor dem „Achtermann“ hatten sie sich am Mittwochnachmittag positioniert. Hier hielt der Landkreis Goslar seine 3. Gesundheitskonferenz ab. Bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen der NDR1-Radiosendung „Jetzt reicht’s: Ihre Meinung zählt!“ wurde der Streit um den Kinderärztlichen Bereitschaftsdienst thematisiert.

Auf die sprichwörtliche Palme bringt die Eltern die Kassenärztliche Vereinigung (KV) im Bezirk Braunschweig, sie will den Kinderärztlichen Bereitschaftsdienst zentralisieren. Wenn ein Kleinkind beispielsweise am Freitagnachmittag oder am Wochenende hohes Fieber hat, müssen sich die Eltern ins Auto setzen und den Bereitschaftsdienst in den Kinderkliniken ansteuern. Von Clausthal-Zellerfeld müssten sie dann nach Salzgitter-Lebenstedt, Braunschweig oder Wolfsburg fahren. Wie die KV am gestrigen Donnerstag mitteilt, wird die Praxis in Wolfsburger erst am April 2018 verfügbar sein.

Ein Unding ist die neue Regelgung, die ab 3. Janaur 2018 gilt. Das findet auch Goslars Landrat Thomas Brych. Er verwies bei der Diskussion auf die topografische Besonderheit des Landkreises Goslar: „Nicht umsonst haben wir als einziger Landkreis fünf Rettungwachen, um den vom Gesetzgeber 15-minütigen Anfahrtsweg bis zum Patienten gewährleisten zu können“. Janine Heike von der Bürgerinitiative machte noch einmal deutlich, dass nicht alle Familien ein Auto besitzen. „Mit Fahrzeit inklusive Wartezeit in der Praxis kommen dann schnell acht Stunden zusammen, die diese Familien unterwegs wären“, betonte die Mutter. Dass viele Eltern dann lieber den Rettungsdienst rufen, als sich mit ihrem kranken Kind ins Auto zu setzen, machten einige Eltern bei der Diskussion mehr als deutlich.

Viele Eltern besonders am Anfang sehr ängstlich

Obendrein verwies eine Mutter, die im Goslarer Krankenhaus arbeitet, darauf, dass viele Eltern die Krankheit ihres Kleinkindes noch gar nicht richtig einschätzen können. „Zumal eine Bronchitis beim Kleinkind auch zu Spastiken führen kann, viele bekommen dann Angst“, unterstrich sie.
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der Landkreis mit Blick auf den Kinderärztliche Notdienst schon gespalten ist. Das hängt mit der Aufteilung des Gebietes zwischen den Kassenärztlichen Vereinigungen im Bezirk Braunschweig und Göttingen zusammen. Die Neuregelung, die derzeit heftig diskutiert wird, betrifft die KV Braunschweig und somit die Orte Altenau, Bad Harzburg, Braunlage, Clausthal-Zellerfeld, Goslar, Liebenburg, Schulenburg im Oberharz, Vienenburg und Wildemann. Zur KV Göttingen gehören die Samtgemeinde Lutter, Seesen und Langelsheim. Hier gab es bereits in diesem Jahr eine weitreichende Veränderung.

Uniklinik Göttingen für Seesen und SG Lutter zuständig

Seit dem 1. Juli gibt es nur noch einen zentralen Kinderärztlichen Bereitschaftsdienst im Universitätsklinikum Göttingen. Viele schütteln angesichts der Einteilung mit dem Kopf, wenn man bedenkt, dass selbst die Eltern aus Alt Wallmoden mit ihrem Kleinkind nach Göttingen müssen, obwohl Salzgitter-Lebenstedt viel näher wäre. Gleiches gilt auch für die anderen Orte in der Samtgemeinde Lutter.

Dr. Thorsten Kleinschmidt, Sprecher der KV im Bezirk Braunschweig, verwies in der Diskussionsrunde noch einmal darauf, dass sich die anderen Eltern im Landkreis Goslar ja glücklich schätzen können. „Während hier drei Krankenhäuser im Umkreis zur Verfügung stehen, ist es nur eines für den gesamten Landkreis Göttingen“.

Fakt ist aber auch, dass der Kinderärztliche Notdienst im Bezirk der KV Braunschweig schon einmal im Jahr 2013 auf der Kippe stand. Er sollte abgeschafft werden, damals kämpften die Kinderärzte im Landkreis Goslar für den Erhalt. Einer von ihnen war damals der Bad Harzburger Kinderarzt Dr. Carsten Queißer. Mittlerweile hat er die Seiten gewechselt. Er befürwortet die neue Regelung. Der Kinderarzt verwies darauf, dass immer weniger Kollegen den Bereitschaftsdienst schultern müssen. Im Durchschnitt absolviert er laut eigener Aussage zwischen 14 und 17 Bereitschaftsdienste im Quartal. 90 Prozent der Fälle, die er in diesem Rahmen behandelt, seien harmlos, nur zehn Prozent akut. Darüber hinaus betonte der Kinderarzt, dass er und seine Kollegen jetzt schon weitaus mehr Kinder behandeln als sie müssten. „Wollen wir die Qualität halten, müssen wir auch uns, unsere Familien und die Angestellten schützen“, betonte er. Der Bad Harzburger Kinderarzt spricht sich klar für die neue zentrale Regelung an den drei Kinderklinikstandorten aus.

Wie Thorsten Kleinschmidt versprach, wird es für den Kinderärztlichen Bereitschaftsdienst im Bezirk der KV Braunschweig eine neue, separate Notrufnummer geben. Hier wird mit den Johannitern zusammengearbeitet. Am Telefon werden die Eltern dann unter anderem nach dem Alter des Kindes gefragt. Sie werden dann an die entsprechende Klinik verwiesen. Am gestrigen Donnerstag wollte die KV diese Nummer ausgiebig testen, am späten Nachmittag folgte die Mitteilung. Erreichbar ist der Bereitschaftsdienst unter (0531) 2414333 .

Fieberkind, beim Spielen am Kopf verletzt oder starke Ohrenschmerzen – was tun? Diese Frage werden sich ab dem 3. Januar 2018 viele Eltern im Landkreis Goslar stellen. Thomas Brych will sich ab Januar die Einsätze des Rettungsdienstes in den fünf Rettungswachen genauer anschauen. „Schon jetzt haben sie 40.000 Einsätze im Jahr”, betonte er. Der Landrat geht angesichts der Äußerungen der Eltern davon aus, dass es garantiert mehr werden.

Wunsch nach Kinderklinik in Goslar formuliert

Wie schon im Goslarer Kreistag wurde auch im Rahmen der Diskussion eine Kinderklinik bei den Asklepios Harzkliniken am Standort Goslar ins Spiel gebracht. „Wir werden auch dies bei Gespräche mit dem Krankenhausbetreiber ansprechen“, betonte der Landrat. Bei der Diskussionsrunde signalisierte Dr. Thorsten Kleinschmidt von der KV, dass es dann eine Überlegung wert wäre, die neue Praxis zu überdenken. In diesem Zusammenhang wies er darauf hin, dass es im Landkreis Gifhorn, in der Kreisstadt auch eine Kinderklinik gibt.sg

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