Mut-Macher im Doppelpack

Tandemfahrer der „Mut-Tour“ machen das Thema Depressionen bewusster und Hilfen publik

Die drei Tandemteams am Dienstag in Bad Gandersheim: Offenheit und Thesen zum Thema Depressionen.

Bad Gandersheim. Aufzufallen, das fällt den Teammitgliedern der „Mut-Tour“ nicht schwer. Schon die sportlichen, aber schwer bepackte Tandemfahrräder sind ein Hingucker, den man so nicht alle Tage sieht. Und gesehen werden wollen die Tandemfahrer der Tour, denn sie haben eine Mission: Das Thema Depressionen als Erkrankung bewusst zu machen und eine Entstigmatisierung zu bewirken. Am Dienstag machte ein Mut-Tour-Team in Bad Gandersheim Zwischenstopp und besuchte dabei auch das Gandersheimer Kreisblatt.

Die Mut-Tour ist ein Aktionsprogramm, das sich seit 2012 bereits durch Deutschland bewegt. Bis zum letzten Jahr haben 126 Menschen mit wie ohne Depressionserfahrung rund 22.000 Kilometer zurückgelegt. In diesem Jahr werden 3.200 Kilometer hinzukommen. Nicht nur per Fahrrad, sondern auch mit Zweier-Kajaks oder zu Fuß als Wandergruppe. 45 Teilnehmer, 15 schon in früheren Jahren dabei gewesen, erfahren dabei täglich, wie Sport ohne Leistungsdruck in Kombination mit Struktur, Natur und Gemeinschaft die Stimmung heben kann. Naturmedizin gegen Depressionen.

Gestartet ist die Mut-Tour am 10. Juli in Bremen, Ziel ist am 25. August Leipzig. Elf Etappen von etwa fünf bis zehn Tagen Dauer jeweils werden absolviert. Die aktuelle Gruppe fährt im Laufe dieser Woche die Etappe Hildesheim nach Fulda, rund 300 Kilometer mit Tagesetappen von etwa 50 Kilometern. Gut zu schaffen, bestätigt Peter Kraus aus Frankfurt als einer der Mitfahrer, aber mit den Tandems geht es eben vor allem im bergigeren Land auch manchmal recht gemächlich zu. Was das Naturerleben leichter macht.

Normalerweise, so Kraus, wird „wild“ und ohne Vorplanung übernachtet; wo sich Gelegenheit gibt, die mitgeführten Zelte für die Nacht aufzuschlagen. Nun war für die Nacht von Montag auf Dienstag Wetterunbill in Form von Gewittern angesagt, so dass die Gruppe gern das Angebot annahm, im Heckenbecker Dorfgemeinschaftshaus zu übernachten. „Wir sind da unglaublich lieb und hilfsbereit aufgenommen worden“, dankte Kraus im Namen der BegleiterInnen Elvira und Wolfgang, Mia, Katharina und Jürgen.

Vor der Weiterfahrt nach Northeim dann der Besuch beim Gandersheimer Kreisblatt. Gespräche mit den Medien ist wichtiger Bestandteil der Mut-Tour, nur so könne beim Thema Umgang mit Depressionen etwas in Bewegung kommen.

Depressionen sind inzwischen wenigstens als Erkrankung anerkannt, sie sind auch behandelbar. Und trotzdem leiden Betroffene vor allem immer noch unter einer Stigmatisierung als „Psychos“. Das reiche hin bis in Personalmanagementetagen, in denen weiter nach der Devise gehandelt werden, bei bekannten Depressionen oder auch nur der Neigung dazu von einer Einstellung abzusehen.

Aus diesem Image möchte die Mut-Tour helfen, Depressionen und die Betroffenen herauszuholen. Ein Schritt dazu ist der unverkrampfte Umgang mit dem „D-Wort“, wie er durch die Interviews geübt wird. Mit ihrem Mut, in die Öffentlichkeit zu gehen, wollen die Teilnehmer auch anderen Betroffenen Mut machen. Ziel, so die Organisatoren, sei, eines Tages in einer Gesellschaft zu leben, in der sowohl betroffene wie nichtbetroffene Menschen angst- und schamfrei mit psychischen Erkrankungen umgehen können.

Projektträgerin ist die Deutsche Depressionsliga. Unterstützung geben Kostenträger wie die Barmer und die Deutsche Rentenversicherung, Partner sind der ADFC und das Bündnis gegen Depressionen. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe ist institutioneller Schirmherr der Mut-Tour.

Wohlgemerkt, es fahren Betroffene und Nichtbetroffene gemeinsam – vereint in den vorgenannten Zielen. Für einen der Mitfahrer ist die Mut-Tour wie Medizin: „Nachdem ich hier mitfahre, verschiebt sich meine Winter-Depression allein um rund einen Monat. Es ist für Nichtbetroffene schwer vorstellbar, welchen Gewinn an Lebensqualität das für mich bedeutet.“ Kontakt: www.mut-tour.derah

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