Seesener Quadriga steuert vorerst noch auf eine ungewisse Zukunft zu

Ab Montag ist sie für zwei Monate im Braunschweiger Schlossmuseum ausgestellt / Die Schäden sind deutlich zu sehen

Seesen/Braunschweig. Sie ist wieder da: Ab dem Montag, 6. August, ist die Seesener Quadriga nach fünf Monaten öffentlich zu sehen, genauer im Braunschweiger Schlossmuseum. Der „Beobachter” war beim Pressetermin vor Ort, um mehr über den Stand der Dinge und das weitere Schicksal dieses kulturhistorischen Kleinods zu erfahren.

Eines verdeutlicht Dr. Ulrike Sbresny, Geschäftsführerin der Stiftung Residenzschloss Braunschweig und Leiterin des Schlossmuseums, beim Pressetermin: „Die Seesener Quadriga braucht dringend Hilfe.“ Die Schäden sind auch für Laien deutlich erkennbar – vor allem Risse und Korrosionsschäden gehören dazu. Am gravierendsten hat es den Wagen erwischt, dabei zeigt sie auf eines der Räder, an einer Stelle sind alle Teile nicht mehr miteinander verbunden. Zudem sind die Gesichtszüge der Breutonia nicht mehr so eindeutig gezeichnet. Die einzelnen kupfergetriebenen Platten wurden genagelt, das ist deutlich erkennbar. Der hohe Kupferanteil im Material verleiht der Seesener Quadriga ihre grüne Farbe. Während beim dritten Exemplar auf dem Schlossdach der Buchstabe „W” im Eichenkranz der Standarte vorhanden ist, fehlt dieses beim Seesener Exemplar. Das „W” für Herzog Wilhelm war einst vorhanden, wie Bilder belegen, jedoch ist es verloren gegangen, wann ist unklar. Durch das Stehen im Freien fehlen obendrein die Zugbänder zwischen dem Wagen und dem Pferdequartett sowie die Vergoldung des Eichenkranzes.

Jahrzehntelang thronte die Quadriga auf dem Dach der Züchnervilla in der Dehnestraße, 1922 wurde sie hier aufgestellt. Seit dem 24. März diesen Jahres ist alles anders, die Quadriga wurde an jenem Tag abgebaut. Welche Übereinkunft die Richard-Borek-Stiftung und die Eigentümerin getroffen hatten, ist nicht bekannt. Die Museumsleiterin sprach am Donnerstag im Gespräch von einer Leihgabe an die Stiftung, die Quadriga soll der Besitzerin offenbar weiter gehören. Dass der Abbau zwei Tage vor dem Zwangsversteigerungstermin der Villa passierte, öffnete den Raum für Spekulationen in der Sehusastadt. Beim Termin am Seesner Amtsgericht fragte ein Interessent explizit nach der Quadriga. Er sah vom Kauf ab, für ihn war das Objekt offenbar ohne das Schmuckstück auf dem Dach nicht mehr attraktiv genug.

„Wäre sie nicht abgebaut worden, wären die Quadriga irgendwann irreparabel geschädigt”, verdeutlicht die Museumsleiterin. In den vergangenen Monaten wurde das kulturhistorische Kleinod gereinigt und erst einmal in einen ausstellungsfähigen Zustand versetzt. Vera Fendel, selbstständige Metallrestauratorin aus Gehrden, die laut Sbresny schon mehrere Arbeiten in Braunschweig ausführte, hatte sich um die Oberfläche und die Statik gekümmert, damit die Quadriga überhaupt erst der Öffentlichkeit gezeigt werden konnte. Auf ihrer Homepage gibt sie die Richard-Borek-Stiftung als Referenz an, diese hatte bekanntlich die Seesener Quadriga vom Dach der Züchnervilla holen lassen. Bevor das passierte, wurden die vier Pferde und die Zügel nummeriert, die Zahlen sind auf dem Ausstellungsobjekt noch immer zu sehen. „Nur in dieser Reihenfolge passt die Seesener Quadriga zusammen und kann überhaupt erst stehen", so Ulrike Sbresny.

Ihr Schicksal in Sachen Restauration ist derzeit noch vollkommen offen. „Geklärt werden muss, ob es eine Konservierung des jetzigen Zustandes oder eine Restaurierung werden soll. Bei Letzterer gibt es ja verschiedene Stufen", umreißt Ulrike Sbresny die Problematik. In Sachen Kosten hält sie sich, wie die Richard-Borek-Stiftung, bei einer Anfrage des „Beobachter", bedeckt. Eine Schätzung soll es offenbar geben. Das Museum würde alle Maßnahmen in Form einer Spendensammlung unterstützen, das deutete die Museumsleiterin bereits an. Eine Spendenbox soll am Eingang aufgestellt werden.

Fakt ist: Vom 6. August bis zum 30. September wird die Seesener Quadriga im Schlossmuseum öffentlich zu sehen sein. Anlass ist das zehnjährige Bestehen der Quadriga auf dem Schlossdach, übrigens bereits das dritte Exemplar. Ein Besucher fragte bereits am Mittwoch nach der Seesener Quadriga, er konnte es nicht so recht glauben, dass sie im Ausstellungsraum Platz hat. „Wir hatten sie ihm aber noch nicht gezeigt“, verrät Ulrike Sbresny.

Wie es nach Ausstellungsende ab Oktober mit der Quadriga weiter geht, ist derzeit noch vollkommen offen. Klar ist nur, im Braunschweiger Schlossmuseum wird sie nicht ausgestellt werden können. „Auch wenn wir das gerne tun würden, fehlt uns schlichtweg der Platz, der aktuelle Raum wird für die Sonderausstellungen benötigt“, so die Museumsleiterin. In Braunschweig soll sie schon bleiben und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, das verdeutlichte auch die Richard-Borek-Stiftung gegenüber dem „Beobachter”. Jetzt sollen sich erst einmal die Museumsbesucher an ihr erfreuen.

Die Seesener Quadriga wurde in den Jahren 1890/93 für die Weltausstellung in Chicago angefertigt. Die Braunschweiger Handwerkerschaft des Metallgewerbes hatte sie in Auftrag gegeben, um mit einem Referenzstück in den USA vertreten zu sein”, berichtet Bauhistoriker Dr. Bernd Wedemeyer.

Hergestellt wurde die Quadriga, die seit mittlerwiele 125 Jahren existiert, in der Carlshütte Delligsen. 1910 hatte sie der Seesener Fabrikant Fritz Züchner erworben. Er wollte sie als Zeichen des Triumphes im Ersten Weltkrieg seiner Stadt stiften. Bekanntlich kam es anders, so wurde die kleine Quadriga, die nach einem Modell von Ernst Rietschel geschaffen wurde, schließlich auf die Züchner-Villa gestellt. Als Hochzeitsgeschenk.syg