Wildes Gezwitscher im Meisenhorst

Kulturforum Seesen: Philip Simon über die Meisen-Population in unserem Oberstübchen

Philip Simons Programm „Meisenhorst“ war beim Seesener Kulturforum am Sonnabend zu sehen. Der Kabarettist aus den Niederlanden unterhielt sein Publikum zwei Stunden lang.

Seesen. Philip Simon ist im Kulturforum Seesen in der Aula am Schulzentrum zu Gast. Kurz vor 20 Uhr stehen ein Stuhl und eine Staffelei mit einer Kreidetafel auf der Bühne, es zwitschert. Die Aula ist erfüllt von Vogelgesang. Dann kommt Philipp Simon in Grün auf die Bühne und begrüßt zum Kabarett den „politischen Untergrund“ Seesens. „Der Meisenhorst ist der einzige Horst, der keine Obergrenze kennt“ und an dem wir unsere Meisen sammeln. Er begrüßt die anwesenden Meisen: „Kohlmeisen, die Angela Merkel für die Reinkarnation von Helmut halten“, aber auch die „vereinzelten Trauermeisen, die letzten SPD-Wähler“ und die „Blaumeisen, die AFD-Wähler, die nicht merken, dass sie sich selbst die Flügel stutzen“, die „Schmuckmeisen, deren politisches Engagement sich auf den Besuch von Kabarettveranstaltungen beschränkt“. Alle Meisen sind also im Publikum, werden nun mit „Alle Vögel sind schon da“ per Minidrehorgel musikalisch begrüßt.

Philipp Simon stellt sich dem Seesener Meisenhorst dann selbst als „Oberbefehlshaber des menschlichen Versagens“ und „Diktator der Empathie“ vor, die „Chefmeise mit den meisten Vögeln“, gut erkennbar in „Uniform“.

Das Publikum soll an die 10 Gebote denken, da fällt jedem was ein und es rattert im Hirn. Dann soll man an 10 Artikel aus dem Grundgesetz denken. Fragezeichen in den Blicken der Zuschauer. Die christliche Prägung ist stärker, als das Wissen über das Grundgesetz auf das wir uns berufen. Mit dem Hinweis auf Hotels, in denen die Bibel im Nachttisch liegt, weil es spannende Lektüre ist, wenn „Mose […] ohne WLAN die 10 Gebote auf dem Berge Sinai “ empfängt, Zaubertricks und Beziehungskisten sind in der Bibel verworrener als in einer Folge Game of Thrones.

Mose, ein „Held der Bibel“, half Flüchtlingen durchs Meer, wäre wohl heute ein „krimineller Schlepper“. Spitzfindig, pointiert wird dem Zuschauer die Borniertheit und das Unmenschliche unseres Handelns und Denkens vor Augen geführt.

Das Grundgesetz ist – laut Philip Simon – „hot shit“ und das Publikum soll dies an diesem Abend erkennen. Auf die Ablehnung Bayerns 1949 zum Grundgesetz zitiert der Kabarettist Konrad Adenauer: „Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont“. Simon streut in sein unterhaltsames „Bildungsprogramm“ gern Zitate, aus dem Grundgesetz aber auch von Nietzsche über Adenauer zu Bruce Lee.

Die Bildungsreise durch die Artikel des Grundgesetzes beginnt mit Artikel 7. Es ist das Schulwesen, kein Wunder, dass den Artikel niemand kennt. Aber der Begriff ist auch falsch, es müsste mit Blick auf die Schulen und ihren Zustand wohl eher „Schulverwesen“ heißen. Simon malt die Utopie einer schönen Schule, die Schülern Freude und Chancen an der Zukunft spüren lassen könnte. Doch die Realität fasst er schonungslos zusammen, denn das einzige, was Schüler in der Schule heute spüren, ist das Kribbeln in der Nase wegen der Schimmelpilze! Die Kinder gehen nicht mehr in der Schule auf die Toilette, weil es ekelig ist. „Wen wundert es, wenn in einer Gesellschaft, in der Kinder nicht mehr aufs Klo gehen der Gesellschaft alles am Arsch vorbei geht“.

Die Reise geht weiter zu Artikel 5. Die freie Meinungsäußerung bedeutet, dass jeder sagen darf, was er denkt, „selbst wenn er den Schritt des Denkens überspringt.“ Mit Sätzen wie: „Das Problem ist, dass wir immer öfter eine Meinung und immer seltener eine Haltung haben!“, regt der Künstler zum Mitdenken und Nachdenken (in zweierlei Bedeutung!) an. Die Grenzen der Meinungsfreiheit werden von Politikern der AFD ausgeweitet. Bis wann ist eine Meinung eine Meinung und ab wann ist es eine Beleidigung. Die Sorgen, dass eine Gesellschaft rechte Populisten toleriert, die durch die Verrohung von Sprache eine Spaltung initiieren, sollten ernst genommen werden.

Mit einem Nietzsche-Gedicht, der in völliger Umnachtung endete, geht das Programm weiter. Möglicherweise ist laut Philip Simon der Sinn des Lebens: Vergessen! „Wenn nicht, dann wäre Angela Merkel nie wiedergewählt worden!“ Vergessen und Schweigen als Stützen der Merkel-Politik, wenngleich das  sehr untypisch für Frauen sei, so Simon.

Am Applausverhalten liest der Künstler klar ab, in Seesen herrscht das Matriarchat! Angela Merkels Satz: „Für ein Deutschland in dem wir gut und gerne leben,“ wird nun sprachpolitisch als Werbeslogan enttarnt, es handele sich bei dem Satz nicht „um eine politische Haltung“. Als Politische Sonnenfinsternis aus dem Hause Merkel wertet Simon: „Wir schaffen das!“ Und fragt nach: Fehlt vielleicht das Wort nicht?

Der moderne Mensch kann Demenz auf Knopfdruck, vergessen und schweigen! Nietzsche wusste, dass Trump US-Präsident werden würde.

„Die hohlste Nuss will noch geknackt sein!“ von Nietzsche bezieht der Künstler deutlich auf Donald Trump. „Wenn Trump zum Handy greift, haben 280 Zeichen Angst!“ Simon attestiert ihm einen Meisenhorst de luxe, da der US-Präsident wohl mit sieben Jahren beschlossen hat, mit dem Denken aufzuhören. Tatsächlich scheint das Zuhören bei Reden von Trump gefährlich, so platzen dann bei Simon Synapsen im Hirn.

Die Grundgesetzreise geht weiter zu Artikel 10: Das Postgeheimnis. Was ist daraus geworden? 1987 wollten die Deutschen keine Volkszählung, sie sind dagegen auf die Straße gegangen. Heute gibt es Vorratsdatenspeicherung, Geheimdienste machen was sie wollen. Google, amazon und Co wissen alles über uns. Es bleibt ein fader Beigeschmack zurück.

Doch es kommt noch schonungsloser. In Artikel 44 geht es um das Recht einen Untersuchungsausschuss einzurichten. Hier geht es um NSA- und NSU-Skandal, Simon bittet, beide nicht zu verwechseln. Akten werden geschreddert, verschwinden oder die Akteneinsicht wird verwehrt. „Eine rückhaltlose Aufklärung wird zu einer Aufklärung ohne Rückhalt!“

Simon fordert auf, endlich den Blickwinkel zu ändern, die Perspektive zu verändern.  Es wird Zeit, dass wieder deutlich wird, dass „Reflexion nicht das Blitzen im Auge ist“.

Nach der Pause wird die Gefahr aufgezeigt, dass die Meisen die Kontrolle übernehmen. Wenn Worte wie Gutmensch und Moral als Schimpfwörter genutzt werden, muss sich der Mensch einer Humanisierung unterziehen.

Kim Jong Un, ästhetisch eine Mischung von Monchichi und Nacktmull, so Simon, lässt unliebsame Verwandte von Hunden zerfleischen. „Einfach, weil er es kann!“ Wie weit ist es mit unserer Humanität, unserem Humanismus und unserer Menschenliebe?

Internet, Smartphone, Kryokonservierung. Probleme des Menschen führen zu Geflatter im Meisenhorst. Zu Mobilität denkt Simon, dass „ehe die Deutschen aufs Auto verzichten, leiten sie die Abgase lieber ins Wageninnere.“

Das Völkerrecht in Artikel 25 klingt wie ein globales wunderbares Miteinander, „Erdogan spielt Triangel“ dazu. Aber wie sieht es wirklich aus? Berufsfreiheit, Kids werden grippaler Infekt oder „Influencer“, Christian Lindner darf Politiker werden. Sprache kreiert die Welt, Seehofers „Obergrenze“ wird zu Kontingent und alles ist gut.

Über die Religionsfreiheit geht es zu Artikel 1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Das wäre doch wunderbar, wenn es so wäre! Aber wir sind der Meisenhorst. Dem Aufruf, das Grundgesetz mal zur Hand zu nehmen, sollte man folgen. Viele haben es im Regal, es gab es in der 10. Klasse meist am 23. Mai.

Schwere Kost, sprachlich pointiert, aufrüttelnd, wird da geboten in der Aula am Schulzentrum im Seesener Kulturforum. Das Publikum findet es sehr gut. Es wird Zeit, nicht mehr nur Schmuckmeise zu sein. Tanja Wöhlered

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